Berlin : Bundesverdienstkreuz: Ehrung für Staatsdiener und Staatsgegner

Suzan Gülfirat

Der Tag der Deutschen Einheit ist für Bundespräsident Johannes Rau Anlass um heute zahlreiche Bürger aus dem ganzen Land mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Aus Berlin erhalten unter anderem Bischof Georg Kardinal Sterzinsky und Joachim Gauck die Auszeichnung. Darüber hinaus werden weitere Berliner geehrt.

Volker Ludwig

Als Volker Ludwig 1994 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet wurde, las der damalige Staatssekretär der Kulturverwaltung, Winfried Sühlo, in seiner Rede das "Amadeusgedicht" von Ludwigs Vater vor. Der renommierte Kabarettautor Eckart Hachfeld, der 1994 verstarb, schreibt darin über das "Hochgefühl der Hundemarke". Anschließend versprach Sühlo Volker Ludwig, man werde es ihm so einfach wie möglich machen, sollte es auch ihn einmal treffen. Auch jetzt fällt dem Leiter des Grips-Theaters zu diesem Thema spontan sein "Blutordencalypso" ein. Er schrieb das Musikstück für sein einstiges Kult-Kabarett "Reichskabarett Berlin", dass er 1965 gegründet hatte. Es wurde eine Art satirische Vertretung der Studentenbewegung in den 60er Jahren. Auf der Bühne sang er rauf und runter, welche Massenmörder und Diktatoren Verdienstorden bekommen hatten, damals, als Heinrich Lübke Bundespräsident war. Aus dem "Reichskabarett" ging Anfang der 70er Jahre schließlich das heutige Kinder-und Jugendtheater Grips am Hansaplatz hervor. Auch in seinen kühnsten Phantasien konnte er sich damals nicht vorstellen, dass er selbst einmal einen Staatorden tragen wird. Heute sagt er: "Ich habe mich mit dem Staat versöhnt."

Volker Ludwigs Bühnenstücke wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und in mehr als vierzig Ländern gespielt. Er gilt heute als Gründungsvater eines emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheaters. Seine Revue "Linie 1" aus dem Jahre 1986 wurde nicht nur auf über hundert in- und ausländischen Bühnen gespielt, sondern auch verfilmt. Mit schöner Regelmäßigkeit wurde er seit Ende der 60Jahre für seine Arbeiten mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Zuletzt erhielt er im vergangenen Jahr den Preis des Internationalen Theaterinstituts (ITT). Bundespräsident Johannes Rau habe sich persönlich für sein Theater eingesetzt und das Haus besucht. Heute gibt es für ihn das Verdienstkreuz erster Klasse am Bande: "Ich nehme die Auszeichnung gerne an", sagt er. Doch wer glaubt, Ludwig sei nun politisch umgekippt, irrt: "So hab ich auch etwas, womit ich drohen kann, dass ich es zurückgebe, wenn zum Beispiel das Asylgesetz wieder geändert wird."

Tatjana Forner

Tatjana Forner war erstaunt, als sie erfuhr, dass sie mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse am Bande ausgezeichnet wird. "Ich dachte, das ginge nur bei deutschen Staatbürgern", erklärt sie. Die Bundesrepublik zeichnet mit dem Orden jedoch auch Menschen aus, die sich um das Land und die Menschen verdient gemacht haben, wenn sie nicht deutscher Staatsangehörigkeit sind. Um so mehr fühlt sich die Russin geehrt, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Tatjana Forner leitet das deutsch-russische Beratungs- und Begegnungszentrum "Club Dialog" im Russlandhaus in der Friedrichstraße - einer der wichtigsten Anlauf- und Beratungsstellen für die rund 120 000 russischsprachigen Menschen in Berlin. Den heute gemeinnützigen Verein hat die Soziologin und Chemikerin 1988 noch in der DDR gegründet, obwohl die deutsch-russische Freundschaft damals staatlich gelenkt wurde. In der Wendezeit engagierte sie sich zudem im "Unabhängigen Frauenverband" und in der Expertengruppe der ersten Ausländerbeauftragten der DDR.

Marion Beyer

Marion Beyers Telefonstimme ist freundlich und menschlich, ihr Auftreten resolut und energisch. Im Flur der Wohnung der zierlichen Frau kommt die Polizeikommissarin durch. Journalisten müssen sich erst einmal ausweisen, wenn sie zu Besuchkommen. In der Wohnung zeigt sich der Privatmensch. Sie kramt Fotos hervor, die sie bei ihren nächtlichen Aktionen am Bahnhof Zoo zeigen. Die Bilder zeigen hilfsbedürftige Menschen die von ihr mitgebrachte Kleidung begutachten und dabei dankbar lächeln. Marion Meyer wollte nicht mehr Einzelkämpferin sein und bot deshalb der Bahnhofsmission ihre Hilfe an. In ihrer Freizeit wollte sie ehrenamtlich obdachlosen Menschen helfen, doch die Helfer von der Mission wiesen sie ab. Zu groß sei das Misstrauen gegen die Polizei, hieß es dort. Sie war enttäuscht und machte danach alleine weiter. Die Bedenken der Mission waren anscheinend unbegründet, denn in den fünf Jahren, in denen sie die Obdachlosen betreut, sind sogar freundschaftliche Kontakte zustande gekommen - auch wenn dort nicht alle ihren Beruf kennen. Zwei Männer vom Zoo kommen regelmäßig bei ihr vorbei und helfen mit, die vollbepackten Kisten zu transportieren. Ein Schlüsselerlebnis hat sie zu dieser nur auf dem ersten Blick ungewöhnlichen Helferin gemacht. Mit 20 Jahren gab die heute 32-Jährige ihre Arbeit als Arzthelferin auf, um in den höheren Dienst ihres "Traumjobs" einzusteigen. "Damals war ich jung und idealistisch. Ich dachte, ich könnte viel bewegen", sagt sie. Vor etwa fünf Jahren wurde sie als Polizistin im tiefsten Winter bei klirrender Kälte zu einem BVG-Wartehäuschen in Friedrichshain gerufen. Ein scheinbar toter Mann liege dort seit drei Tagen, hieß es. Doch der Mann lebte, war nicht verletzt und auch sonst gab es keinen Grund ihn gegen seinen Willen mitzunehmen, weshalb sie ihn zurücklassen mussten. "Das tat richtig weh", sagt Marion Beyer, jemanden zurücklassen zu müssen, obwohl er Hilfe offensichtlich nötig hatte. Sie begann, zuerst in der Familie und bei Freunden für Obdachlose zu sammeln. Heute kümmert sie sich um etwa 100 Obdachlose, die immer wieder zum Zoo kommen. Sie erhält die Verdienstmedaille des Verdienstkreuzes.

Wera Barth

Wera Barth kümmerte sich als Psychologin in der DDR im staatlichen Auftrag um Häftlinge. Nach der Wende begann für sie eine schwere, aber spannende Zeit. "Wir konnten arbeiten, wie nie zuvor", sagt sie. Es gab zuvor keine Vereine, Beratungs- und Freizeitangebote, und sie konnte straffällig gewordenen Menschen helfen, ohne Mitglied einer Behörde zu sein. Sie gründete einen Verein, der auch heute noch Resozialisierungshilfen anbietet. Der Name ihres Vereins hat deshalb auch symbolische Bedeutung: "Freie Hilfe Berlin." In der Wendezeit galt die Aufmerksamkeit des Vereins den Ängsten und Bedürfnissen der Menschen im östlichen Teil Berlins, die in veränderte gesellschaftliche Verhältnisse entlassen wurden. Jetzt gilt das Betreuungsangebot des Vereins mit 42 Mitarbeitern für die gesamte Stadt. Wera Barth erhält heute die Verdienstmedaille.

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