Berlin : Bundeswehrstandort Berlin: Arme Armee: Bundeswehr will Blücherkaserne verkaufen

Jörn Hasselmann

Die Bundeswehr wird kleiner und muss sparen. Deswegen schließt sie einen Teil ihrer Standorte. Welche - das gehört zu den am besten gehüteten militärischen Geheimnissen. Denn der Verteidigungsminister fürchtet die Wut der Bürgermeister: große Kasernen sind wichtige Wirtschaftsfaktoren. In Berlin ist die Bundeswehr an neun Orten präsent. Doch einen davon wird die Truppe bald verlassen: Nach Tagesspiegel-Informationen trifft es die Blücherkaserne in Spandau, wo das Jägerbataillon 1 stationiert ist.

Die Bundeswehr will das 40 Hektar große Grundstück verkaufen. Das Bataillon soll im Zuge der Verkleinerung der Truppe verlegt oder aufgelöst werden. "Die Jäger stehen in Berlin ganz oben auf der Streichliste", sagte ein Oberst. Spandaus Bürgermeister Birkholz kritisierte diese Planung als "hirnrissig und töricht". Eine offizielle Bestätigung für den Jäger-Abzug gab es nicht. Verteidigungsstaatssekretär Walther Stützle sagte, dass die Entscheidung, welche Standorte geschlossen werden, erst im Frühjahr nächsten Jahres veröffentlicht werde.

Doch schon Ende Dezember soll die Feinplanung der Bundeswehrreform fertig sein. Darin wird auch entschieden, welche Bataillone aufgelöst werden. "Wenn die Jäger aufgelöst werden, ist die Kaserne leer - und dann kann man sie auch verkaufen", sagte ein Oberst - und dort Wohnungen bauen. Die Bundeswehr muss im kommenden Jahr insgesamt eine Milliarde Mark mit dem Verkauf von Grundstücken erwirtschaften.

Die Blücherkaserne könnte richtig Geld bringen. "Ein wunderschönes Gelände dicht am Wald", lobte sogar Birkholz. Andere große Standorte stehen in Berlin nicht zur Disposition. Denn immer noch gibt es starke Bestrebungen, das Verteidigungsministerium ganz von Bonn nach Berlin zu holen. "Da wäre es unsinnig, mehr Standorte in Berlin aufzugeben", heißt es bei der Truppe.

Die Kommission zur Reform der Bundeswehr hatte für einen kompletten Umzug von der Bonner Hardthöhe in den Bendlerblock plädiert. Dieser "Rutschbahneffekt" hatte eindeutig mit dem Umzug des Bundesrates von Bonn nach Berlin begonnen. Auch ohne den Rutschbahneffekt erhöht sich im kommenden Jahr die Zahl der Soldaten unter anderem in der Julius-Leber-Kaserne (Wedding) und in der General-Steinhoff-Kaserne (Gatow) deutlich.

Mit etwa fünftausend Soldaten ist die Stadt mittlerweile einer der größten Bundeswehrstandorte in Deutschland. Fünfhundert Sanitäter arbeiten im Bundeswehrkrankenhaus in Mitte. Derzeit sind in der achtzig Hektar großen Julius-Leber-Kaserne in Wedding 1500 Soldaten stationiert. Hier sitzt auch der Standortkommandant von Berlin. In der 150 Hektar großen Steinhoff-Kaserne in Spandau sind tausend Mann der Luftwaffe stationiert. Durch die Strukturreform ziehen alleine fünfzig Offiziere der 3. Luftwaffendivision aus Westdeutschland nach Gatow, da die vorgesetzte Kommandobehörde dort aufgelöst wird. Dies sagte der Kommandeur der 3. Luftwaffendivision, Generalmajor Horst Martin.

Spandaus Bürgermeister Konrad Birkholz kämpft unterdessen um "seinen" Standort. Er betont den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktor des Jägerbataillons 1 Berlin, das derzeit aus 760 Soldaten besteht. Erst vor drei Jahren hatte das Bataillon den Ehrennamen "Berlin" erhalten; geprüft werden soll nun der Umzug in die Steinhoff-Kaserne nach Gatow.

"Wer nur Zahlen im Kopf hat, könnte tatsächlich auf die Idee kommen, den Standort Kladow aufzulösen", sagt Birkholz. Tatsächlich ist die Bundeswehr in der Klemme. Zum einen muss sie bis zum Jahr 2004 die Zahl der Soldaten von 314 000 auf 282 000 verringern. Zum anderen soll vom kommenden Jahr an mindestens eine Milliarde Mark jährlich mit dem Verkauf von Grundstücken in die Kasse kommen.

Insgesamt schätzt das Ministerium den Gesamtwert aller von der Truppe genutzten Liegenschaften auf 100 Milliarden Mark. "Es ist doch realistisch, daraus jährlich ein Prozent zu erlösen", hatte Verteidigungsminister Scharping vor einer Woche auf der Kommandeurstagung angekündigt. Nur 20 Prozent kassiert der Finanzminister neuerdings bei Verkäufen ein, bisher waren es 100 Prozent. Das Grundstück in Spandau wird der Bundeswehr also einiges einbringen.

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