Berlin : Bunte Arabeske im Berliner Restaurant-Dschungel

Bernd Matthies

Beusselstraße 69, 10553 Berlin Tiergarten, Tel. 39103240, kein Ruhetag, auch Frühstück und Mittagstisch. Kreditkarten: Visa, DinersBernd Matthies

Auch der notorisch neugierige Restaurantkritiker lebt in seinen geschmacklich-kulturellen Grenzen. Die werden zwangsläufig von der multikulturellen Expansion des gastronomischen Universums bestimmt, reichen also von Sushi bis hin zu den mexikanischen Methoden, feste Lebensmittel in Matsch zu verwandeln. Aber einiges fällt doch noch raus: karamellisierte Heuschrecken, Nase vom Ameisenbär in Lehm gebacken, Vogelspinne in ihrem Gelee - in dieser Richtung. Deshalb habe ich jetzt auch darauf verzichtet, Hammelhoden zu kosten, obwohl sie nur eine halbe Stunde Zubereitungszeit und 18 Mark entfernt waren.

Wir befinden uns jetzt praktisch auf libanesischem Boden, und bevor alle Leser würgend die Seite wechseln, sage ich schnell, dass das Restaurant mit dem einprägsamen Namen "Champs Elysees Liban" überwiegend Zubereitungen anbietet, die mit dem mitteleuropäischen Geschmack gut vereinbar sind. Hähnchen zum Beispiel, über Holzkohle am Spieß gegrillt, beispielsweise sehr gelungen mit Tomaten und einer scharfen Knoblauchsauce. Will sagen: Der Stil dieser Küche ist keineswegs vom Ehrgeiz bestimmt, eine Synthese mit den aktuellen Welt-Trends einzugehen. Hier geht es vielmehr um das libanesische Original und damit um eine reizvolle Nuance, die bisher in Berlin meines Wissen so nicht geboten wird. Lammfleisch wird hier geschmort, mit Reis, Pinienkernen und Gewürzen gemischt und dann ohne Umschweife auf einen Teller gestürzt: Batsch. Schmeckt prima und ist mit durchschnittlich 18 Mark für die ausgewachsene Portion auch noch sehr preiswert.

Besonders umfangreich ist hier das Angebot an Vorspeisen. Da sie alle einzeln auf der Karte stehen, empfiehlt es sich, im Gespräch mit der ebenso herzlichen wie (sprach)kundigen Chefin Details auszuloten und eine Kombination zu verabreden. Die kommt dann, landesüblich, in zahlreichen kleinen Schälchen auf den Tisch und ist allein abendfüllend, vom nahostnotorischen Hummus, der sanften Kichererbsenpaste, über sauer eingelegte Gemüse, Petersiliensalat, Auberginenzubereitungen und Teigtaschen mit reizvoll gewürzten Füllungen bis zu Fleischpasteten, durchweg auf hohem Niveau. Dazu gibt es die obligatorischen Weine der libanesischen Ksara-Genossenschaft, die in den letzten Jahren einen erstaunlichen Qualitätssprung gemacht haben (weiß: 44 Mark).

Das mit den Desserts ist eine Sache für sich. Dieses Restaurant scheint nämlich in erster Linie eine Konditorei zu sein, und deshalb biegt sich die Theke unter arabischem Gebäck vom schlichten Keks bis zur bombastischen Hochzeitstorte, es gibt Schwarzwälder Kirsch und Obsttorten und werweißwas noch in höchst beachtlicher Qualität. Das alles kann am Tisch verspeist werden; wir probierten eine Art Biskuitscheibe mit Pistazien, Sirup und viel recht zähem Käse, die uns doch eher ethnologisch als kulinarisch interessierte. Aber sowas ist Geschmackssache.

Spannend schien mir dieses Restaurant vor allem als authentisches Stück Orient, als erstes Haus im Beussel-Kiez und Treffpunkt der Araber aus der Umgebung. Wenn das rot-grüne Neonlicht grell den Gehweg beleuchtet, dann ist das keine Ranschmeiße an irgendwelche Szenen und nicht der Versuch, Kultstatus zu erlangen, sondern es symbolisiert ganz naiv die Champs-Elysees, wie man sie sich in Beirut eben vorstellt. Bunt! Aufregend! Eine lustige Arabeske im Berliner Restaurant-Dschungel, eine angenehme Abwechslung mit sehr günstigen Preisen.

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