Berlin : Bus-Entführer war früher Fahrgastbetreuer

Dieter Wurm wurde als Freigänger bei der S-Bahn ausgebildet. Nach Raub und Geiselnahme droht ihm lebenslang

Jörn Hasselmann

Von Jörn Hasselmann

Der Haftbefehl wurde Dieter Wurm am Krankenhausbett in Steglitz verlesen. Da hat er laut Justizsprecherin Ariane Faust auch gleich ein Teilgeständnis abgelegt. Wurm und ein Komplize hatten am Freitag eine Filiale der Commerzbank überfallen. Auf der Flucht hat Wurm einen BVG-Bus mit anfangs acht Menschen – darunter zwei Polizisten – entführt. Einen Beamten schmiss er an der ersten roten Ampel aus dem Bus, danach ließ er vier weitere Geiseln frei. Die Polizei stürmte den Bus vier Stunden später und verletzte Wurm durch Schüsse in die Schulter.

Die Suche nach Wurms Komplizen kam am Wochenende nicht voran. Der Unbekannte war nach dem Banküberfall im Gewühl der Schloßstraße verschwunden, während Wurm den Bus kaperte. Die Ermittler hoffen, dass Wurm seinen Komplizen verraten wird, deshalb sitzen die Ermittler des Raubdezernats heute wieder bei Wurm im Klinikum Benjamin Franklin.

Fragen gibt es auch noch nach dem Motiv für die Entführung. Eine Kurzschlussreaktion, nachdem Wurm eine Polizistin unter den Passagieren entdeckte? Wurm hatte einem Radiosender während der Geiselnahme per Mobiltelefon gesagt, er sei an der Haltestelle Kuhligkhofstraße in den Bus gestiegen, „um zur S-Bahn zu fahren“. Eine seltsame Erklärung, wenn man bedenkt, dass die Haltestelle direkt neben dem S-Bahnhof Steglitz liegt. Von dort fährt die Linie 1 zum S-Bahnhof Humboldthain, seit seiner letzten Haftentlassung wohnte Wurm in der Wiesenstraße. Der 46-Jährige kannte sich bestens bei der S-Bahn aus. Denn er war nach Informationen des Tagesspiegels während seiner Freigängerzeit ab 1999 zum „Fahrgastbetreuer“ fortgebildet worden. Tagsüber stand Wurm in schmucker Uniform auf dem Bahnsteig und wies Touristen den Weg zum nächsten Zug, nachts schlief er in der JVA Plötzensee. Das war eine ABM-Maßnahme. Ob er den Job bis zu seiner spektakulären Tat am Freitag hatte, konnte die – von der Information völlig überraschte – S-Bahn gestern nicht klären. Auch auf seiner Homepage www.knast.net/gitterzeit/wurm.htm steht nichts.

In den nächsten Jahren wird Wurm nicht mehr S-Bahn fahren können. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft wegen schwerer räuberischer Erpressung und Geiselnahme. Danach kommt Wurm möglicherweise noch in „Sicherungsverwahrung“ – die Staatsanwaltschaft prüft das bereits. Denn sein Vorstrafenregister ist lang. Im Januar 1988 zum Beispiel entwischte er bei einem Ausgang aus dem Knast in Moabit – und stand päter mit einer Maschinenpistole in einer Bank.

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