Berlin : Busfahrer in Berlin: Ein Traumjob – und ein Albtraum

Die BVG ehrte sechzig vorbildliche Mitarbeiter. Doch zum Feiern war ihnen kaum zumute. Wieder war ein Kollege verprügelt worden

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„Bewährte Busfahrer“ – auf den Titel, den die Landesverkehrswacht am Freitag im Betriebshof Müllerstraße 60 BVGMitarbeitern verlieh, konnten die Geehrten stolz sein. Denn leicht ist es nicht, sich im rauen Berliner Verkehr zu bewähren – auf der Straße wie mit den Mitreisenden. Bedingungen waren: Kein Unfall, keine Beschwerden von Fahrgästen und „vorbildliche Dienstführung“. Doch so richtig feierlich war vielen BVGlern nicht zumute – der Schreck über den Überfall auf ihren Kollegen auf der Buslinie 171 in Neukölln war allen anzumerken.

Vier 15 bis 18 Jahre alte Jugendliche türkisch-libanesischer Herkunft hatten in der Nacht an der Neuköllner Straße einen 41-jährigen Busfahrer verprügelt. Der Grund: Er wollte ihre Fahrscheine sehen. Der Mann wurde leicht verletzt, lehnte aber eine ärztliche Behandlung ab, sagte der bei den Verkehrsbetrieben für den Bereich Omnibus zuständige Sprecher Johannes Müller.

Nach der Tat stiegen die Jugendlichen in die U-Bahn. Dort fanden sie ihr nächstes Opfer – einen Blinden. Zunächst beleidigten sie ihn, dann spuckten sie ihm ins Gesicht. Der Mann benachrichtigte über sein Mobiltelefon die Polizei, die die Täter an der nächsten Station Grenzallee schon erwartete. Von dem Überfall auf den Busfahrer war den Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Bei ihren Zeugenbefragungen zu dem Übergriff auf den Blinden stießen die Polizisten aber auf U-Bahnfahrgäste, die zuvor in dem Bus gesessen und den Angriff auf den Busfahrer miterlebt hatten: Die Zeugen erkannten die Täter wieder.

Die Jugendlichen sind alle wegen Gewalttaten und Eigentumsdelikten bereits polizeibekannt. Sie wurden festgenommen und nach ihrer Vernehmung wieder entlassen. Einer von ihnen ist als Intensivtäter bekannt, ein zweiter, 15-Jähriger, gehört zu einem teilweise eingedeutschten libanesischen Clan, gegen den die Polizei immer wieder wegen verschiedener Straftaten ermittelt.

Unter den 3000 Busfahrern ist die Stimmung ohnehin schon seit einiger Zeit auf dem Tiefpunkt. Das wurde gestern am Rande der Ehrung durch die Landesverkehrswacht deutlich. Zu viele von ihnen wurden schon angepöbelt, bespuckt oder geschlagen. Und es sind längst nicht mehr nur Frauen, die sich weigern, nachts oder auf Außenstrecken zu fahren. Ein Problem, für die Nächte Personal zu finden, hat die BVG noch nicht – der Nachtzuschlag ist steuerfrei, „da nimmt man das Risiko in Kauf“, sagte ein Fahrer. BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte, dass „in jeder Nacht etwas passiert“, angegriffen oder beschimpft würden Frauen wie Männer. Da man auf dem Fahrersitz durch Lenkrad und Kassenbox eingeklemmt sei, könne man bei Angriffen kaum ausweichen, sagte ein Fahrer.

Enttäuscht sind viele deshalb von der Entscheidung der BVG, die Busse nicht mit Sicherheitskabinen auszurüsten. Zwar läuft derzeit noch ein entsprechender Versuch mit einer Glaskabine – doch Johannes Müller sagte, man sei gegen die Kabinen: die Fahrer sollen Kontakt zu den Fahrgästen haben. Man biete den Fahrern allerdings Seminare an, in denen sie im Rollenspiel lernen, gefährliche Situationen zu meistern. Die Fahrer nehmen das Angebot dankbar an, aber nicht bei allen aggressiven Fahrgästen hätten sie damit auch Erfolg, sagte Müller. Tätliche Angriffe seien aber ohnehin selten.

Viele Fahrer trauern der letzten Generation der Ikarusbusse nach, die in Ost-Berlin eingesetzt waren: „Die hatten eine geschlossene Kabine, das war Klasse.“ Ha/weso

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