Berlin : Busfahrt zurück in die Kindheit

Auf dem Ku’damm waren zehn BVG-Oldtimer unterwegs

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Gabi Schmidt wartet mittags ungeduldig am Henriettenplatz: „Ich will ’nen ganz Alten. Einen mit durchgehender Sitzbank oben. Den fand ich als Kind so stark!“ Aber der 62er Doppeldecker-Veteran ist noch auf der Ku’damm-Gegenstrecke unterwegs. Dafür kommt ein 68er „Schaffnerwagen“.

Drinnen sitzt hinterm Fahrer an einem Katzentisch Christian Winck in Uniform. Überraschte Fahrgäste fragen: „Sind Sie wirklich echt? Ist ja zum Piepen!“ Winck, eigentlich Bezirksbeamter, ist heute – wie auch der Versicherungskaufmann Detlev Mittag – ehrenamtlicher Schaffner im Auftrag der BVG. Kassiert, wechselt, stempelt.

Zehn ihrer 30 Nachkriegs-Oldtimer hat die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus gestern zu Ehren des 75-jährigen BVG-Bestehens in die West-City-Linie 119 geschleust. Die Alten tragen die einstige Liniennummer „19“, was Touristen verwirrt. Ein Leipziger Ehepaar, das die Glühlämpchen im Bus bewundert, hat gar nicht mitbekommen, dass es in einem Oldtimer sitzt. „Ist das ein komischer Bus“, ruft ein Kind, „wo geht’s denn nach oben?“ Hinterm Fahrer nicht. Auch andere Fahrgäste suchen. Die Stufen sind mittenmang auf den ersten Blick schwer zu erkennen.

Hinterm Steuer eines 40 Jahre alten Büssings, zehn Tonnen Leergewicht, muss Olaf Pullert richtig kurbeln. „Von wegen Servolenkung. Wir sind hier noch richtige Kraftfahrer“, sagt sein Kollege Hans-Peter Wagener. An den Endhaltestellen müssen allein acht Stationsschilder ausgewechselt werden.

Dass Gabi Schmidt zurück in die Kindheit fährt, hat sie einem Mann zu verdanken, der sich still am Henriettenplatz freut. Frank von Riman-Lipinski hatte vor 16 Jahren in Rüdesheim einen zum „Weinbus“ degradierten BVG-Bus entdeckt. Er kaufte ihn, gründete die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus. 62er, 68er und andere edle BVG-Jahrgänge konnten so gerettet werden.C.v.L.

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