Berlin : Busse und Radler auf der Überholspur

Verkehrsbilanz des Senats: Autofahrer steigen um. München ist doppelt so stark motorisiert wie Berlin

Ulrich Zawatka-Gerlach

Das Auto spielt im Berliner Verkehr nicht mehr die Rolle wie in den ersten Jahren nach dem Mauerfall. „Es ist uns gelungen, eine Trendwende einzuleiten“, bilanzierte die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern. Im Jahr 2000 waren noch 329 PKWs pro 1000 Einwohner in der Stadt zugelassen. Im Jahr 2006 nur noch 317.

Zum Vergleich: In München waren 2006 fast doppelt so viele, nämlich 615 PKWs pro 1000 Einwohner angemeldet, in Stuttgart 680. Auch im internationalen Vergleich, so Junge-Reyer, seien die Berliner Verkehrsverhältnisse außerordentlich günstig. Das entlaste nicht nur die Umwelt, sondern schaffe auf den Straßen auch mehr Platz für den Wirtschaftsverkehr. Aus einer Zwischenbilanz des Senats für den „Stadtentwicklungsplan Verkehr“ geht hervor, dass sich der Ausbau des Bus- und Bahnverkehrs und der Radwege gelohnt hat.

Noch vor der Sommerpause will die Senatorin ein Konzept für mehr Verkehrssicherheit vorlegen. Dazu gehören der Umbau von Kreuzungen, aber auch von Straßen vor Schulen und Kitas, neue Zebrastreifen, mehr polizeiliche Verkehrskontrollen und eine erweiterte „Mobilitäts- und Verkehrserziehung“ für Kinder und Jugendliche. Den Bau von Kreisverkehren (als Ersatz für Kreuzungen) lehnt Junge-Reyer allerdings ab. „Dies bringt nicht unbedingt mehr Sicherheit, erfordert aber teure Investitionen“. Dagegen wird das Programm „Tempo 30 nachts“ auf insgesamt 50 Kilometern Hauptverkehrsstraßen bis zum Herbst abgeschlossen. Das entlaste insgesamt 36 000 Anwohner vom Straßenlärm, heißt es.

Die tendenzielle Eindämmung des Autoverkehrs in Berlin, die vor wenigen Jahren noch nicht absehbar war, ist nach Einschätzung des Senats darauf zurückzuführen, dass immer mehr Berliner die attraktiveren Busse und Bahnen nutzen – aber auch auf den Ausbau des Radwegenetzes. Zugleich entstanden neue Fahrradabstellanlagen und bessere Wegweisungen für Radfahrer. Die Zahl der Stellplätze an S-, Regional- und U-Bahnhöfen wurde seit 2005 von 17 000 auf 24 500 erhöht. Im selben Zeitraum wurden 30 Kilometer neue Radfahrstreifen auf Straßen angelegt. Nach aktuellen Verkehrszählungen ist der Radverkehr in der Stadt deutlich angestiegen, vor allem im Bezirk Mitte.

Beim öffentlichen Personennahverkehr lobte Junge-Reyer die gelungene Beschleunigung von Bussen und Straßenbahnen. „Es macht sich schon bemerkbar, wenn die Fahrgäste sehen, wie sie an den Autos vorbeifahren.“ Wichtig seien auch gute Tarifangebote – etwa das Schüler- und Geschwisterticket oder die Wiederauflage der Viererkarte. Das geplante Seniorenticket wird beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) weiter durchgerechnet. „Immer noch ohne Ergebnis“, räumte die Senatorin ein.

Der „Stadtentwicklungsplan Verkehr“ wurde 2003 beschlossen. Er soll bis 2015 die sich ständig verändernden Mobilitätsbedürfnisse der Bürger und der Wirtschaft in die richtigen Bahnen lenken. Außerdem soll er jenen 50 Prozent der Berliner, die kein eigenes Auto haben, eine ausreichende Beweglichkeit verschaffen. Das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche, sozial Schwache und Senioren. Weitere Ziele des Plans sind Umweltfreundlichkeit und Klimaschutz , die Verbesserung der innerstädtischen Wohn- und Lebensqualität und gute Verkehrsverbindungen ins Umland und in die Ferne.

In der gestern vorgelegten Zwischenbilanz verbucht der Senat deshalb auch den Bau des Nord-Süd-Tunnels, die Verlängerung der Autobahn A 113 bis Schönefeld, zwei neue Straßenbahnlinien und die neuen Fernbahnhöfe Hauptbahnhof, Südkreuz und Gesundbrunnen als großen Erfolg der Verkehrspolitik seit 2003. Bessere Verkehrsanbindungen an Mittel- und Osteuropa, vorrangig Polen, stehen noch auf der Agenda. Als zentrales Projekt gilt auch der umstrittene Ausbau der A 100 über Neukölln hinaus bis zum Treptower Park.

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