Berlin : Busso Maske, geb. 1921

Ulrike Demmer

Eigentlich hätte Busso Maske Landwirt werden müssen. Er war auf einem Gut in Pommern zur Welt gekommen. Und wer hatte damals schon die Wahl? Busso selbst wusste nicht so genau, was er werden wollte. Aber seine Verwandtschaft, die hatte eine speziellere Idee: Der Junge war so zart und feingliedrig - irgendwie vornehm. Dem schien die Natur eine andere Geschichte auf den Leib geschrieben zu haben. Busso sollte Arzt werden.

Und Busso wurde ein guter Arzt. Ein "Patientenarzt" hat vor Jahren mal die Morgenpost über ihn geschrieben. Ein Arzt mit viel Zeit und großem Verständnis für seine Patienten, das muss schon damals etwas Besonderes gewesen sein. Busso Maske war etwas Besonderes. Ein ernsthafter Mensch, immer ganz bei der Sache. Das spürten seine Patienten. Seine Familie, seine Frau und seine vier Kinder, die spürten das auch. Nur nicht so oft.

Denn Busso Maske war meistens in der Klinik, am anderen Ende der Stadt. Ein ernsthafter Internist hat viel zu tun. Dafür wiederum hatte seine Familie Verständnis. Seine Frau, ebenfalls Medizinerin, hatte gewusst, was es bedeutet, einem Arzt das Jawort zu geben. Und den Kindern selbst war der strenge Erzieher am Wochenende noch Vater genug.

An den Wochenenden widmete Busso nämlich seine ganze Ernsthaftigkeit der Familie. Mit einschneidenden Folgen. Samstags, pünktlich um ein Uhr gab es Essen. Das wusste die ganze Nachbarschaft: Wenn eines der Kinder um diese Zeit noch ein paar Häuser weiter im Garten spielte, dann brüllte Vater Maske mit tiefem Bass seinen Nachwuchs herbei. Das war auch zwei Straßen weiter noch zu hören. Wehe dem, der diesem Ruf nicht folgte.

Nach dem Essen wurde musiziert. Oder es folgte ein Spaziergang durch den Botanischen Garten. Für Busso ein wahrer Lehrpfad. Der Arzt kannte sämtliche Pflanzen- und Tierarten beim Namen. Er fotografierte die Pflanzen und Schmetterlinge und hielt später Dia-Vorträge über die katalogisierte Flora und Fauna. Er wollte sein Wissen weitergeben, das war sein Hobby. Die Schwestern im Krankenhaus verehrten ihn dafür.

Die Kinder waren von dieser Art der Unterhaltung weniger angetan, aber das Wochenende mit den Spaziergängen und der Hausmusik war unantastbar. Busso Maske war eben anders als die anderen Väter. Das hatte aber auch seine guten Seiten. Sonntags, zum Beispiel, gab es eine spannende Entschädigung: Eines der Kinder durfte immer mit in die Klinik, wenn Chefarzt Maske nach dem Rechten sah. Wie der Vater da so im weißen Kittel durch die Gänge wandelte, sich um die Patienten kümmerte, die Schwestern anwies - das war schon sehr beeindruckend. Keines der Kinder hätte diesen Vater enttäuschen wollen.

Einmal im Jahr fuhr die ganze Familie in die Klinik. Am Heiligen Abend, dem Abend der Rituale. Für die sechs Maskes bestand das Ritual im Wesentlichen aus einem Krankenhausbesuch, denn Busso Maske wollte allen seinen Patienten ein gesegnetes Weihnachtsfest wünschen. So gegen Mittag, wenn andere Familien gerade die letzten Weihnachtsgeschenke einpacken, brachen sie auf. Von Zehlendorf bis ins Lazarus-Krankenhaus in der Bernauer Straße brauchten sie fast eine Stunde. Vier kleine Maskes rein in den Kombi und wieder raus aus dem Kombi - das konnte dauern.

Also mussten sie zeitig los, um den Gottesdienst in der kleinen Krankenhauskapelle nicht zu verpassen. Dann kamen die Stunden in Bussos Wartezimmer. Während der Chefarzt seine Patienten beglückte, saßen die Kinder, beaufsichtigt durch ihre Mutter, ruhig gestellt mit einer großen Tüte Kekse, auf Vaters Krankenliege. Das war kein Fest, aber auch nicht weiter schlimm. So ein Heiliger Abend verbindet; vor allem die Rückfahrt durch die leer gefegten Straßen Berlins war schön. Sie zählten die erleuchteten Weihnachtsbäume in den Wohnzimmern und freuten sich auf ihr Bett. Zu Hause angekommen, gab es nur ein paar belegte Brote. Total erschöpft wollten alle nur schnell die Bescherung hinter sich bringen und dann schlafen.

Bis sich irgendwann ein Nachbar der Misere annahm. Sechs Maskes am Heiligen Abend ohne warme Mahlzeit, ein unhaltbarer Zustand für den Zahnarzt aus Zehlendorf. Der ehemalige Patient spendierte nun alljährlich einen Präsentkorb aus dem KaDeWe. Busso bekam viele Präsentkörbe von dankbaren Patienten zu Weihnachten, aber der Zahnarzt ließ jedes Jahr eine warme Hummersuppe schicken. Das war ein Fest. Ein etwas anderes zwar, eben das Weihnachtsfest eines Chefarztes. Aber keiner mochte es missen. Am wenigsten die Hummersuppe, die auch nach dem Tod des Zahnarztes noch jahrelang pünktlich geliefert wurde. Der dankbare Patient hatte es testamentarisch so verfügt.

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