BVG : Berlins U-Bahnhöfe bleiben vorerst klassikfrei

Die Dauerberieselung durch klassische Musik sollte unerwünschte Gäste aus den U-Bahnhöfen vergraulen. Doch hohe Auflagen zum Abspielen von Musik stoppen das Projekt zum Vertreiben von Drogendealern.

Klaus Kurpjuweit

Wilhelm Busch hat es erkannt: „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Die BVG wollte dies nutzen, und mit Musik – vorwiegend klassischer – unerwünschte Dauergäste aus U-Bahnhöfen vertreiben. Denn während das leise Dudeln die meisten Fahrgäste beim kurzen Warten auf den Zug erfreuen kann, suchen diejenigen, die sich lange auf den Bahnsteigen aufhalten, bei einer Dauerberieselung meist das Weite. Doch die technische Aufsichtsbehörde, eine Abteilung bei der Stadtentwicklungsverwaltung, hat so viele Auflagen gemacht, dass das Projekt derzeit ruht. Ausgeguckt hatte sich die BVG die Stationen Rosenthaler Platz und Voltastraße der Linie U 8 (Wittenau–Hermannstraße), auf der besonders stark mit Drogen gehandelt wird.

Die Aufsichtsbehörde sieht nach Angaben von Sprecherin Manuela Damianakis vor allem Probleme für Blinde und Sehschwache, die sich an Geräuschen orientieren. Ertönt Musik auf den Bahnsteigen, besteht nach Ansicht der Aufsichtsbehörde die Gefahr, dass ein einfahrender Zug nicht mehr gehört werden kann. Außerdem können Blinde durch das Geräusch beim Öffnen den Standort der Türen orten, was erschwert würde, wenn es laute Nebengeräusche gebe.

Zudem moniert die Aufsichtsbehörde, dass die Musik aus den für Durchsagen installierten Lautsprechern abgespielt werden sollte. Hier verlangt die Aufsichtsbehörde, dass sichergestellt ist, dass das Abspielen jederzeit für aktuelle Informationen unterbrochen werden kann. Zudem will sie die Lautstärke festlegen und auch beim Inhalt der ausgewählten Stücke mitreden. Ein Versuch müsse auf sechs Monate begrenzt sein, sagte Damianakis weiter. Und die BVG müsse sich verpflichten, auch Beschwerden zu berücksichtigen. Dass Musik auf die Nerven gehen kann, hat die U-Bahn in Hamburg gezeigt. Drogenhändler und Obdachlose meiden nach Angaben des Sprechers der Hamburger Hochbahn, Christoph Kreienbaum, die Stationen mit musikalischer Dauerberieselung. Wissenschaftlich sei ein solcher Zusammenhang bisher allerdings nicht bewiesen worden. Die Hamburger spielen die Musik aber auch nicht auf den Bahnsteigen, sondern nur in den Zwischengeschossen. Und man müsse darauf achten, dass die Betreiber von Läden die Musik nicht als störend empfinden.

In München dagegen ist die Musik in zehn der 94 Stationen auch auf Bahnsteigen zu hören. Bedenken der Aufsichtsbehörde habe es nicht gegeben, sagte die Sprecherin der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), Bettina Hess. Die Münchner wollten damit auch keine Dealer vertreiben, sondern den Kunden außerhalb der Hauptverkehrszeiten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, wozu die Musik subjektiv beitrage. Umfragen hätten gezeigt, dass die Mehrheit der Fahrgäste die „Klassik in der U-Bahn" unterstütze. Natürlich gebe es auch Kritik, etwa zur Klangqualität oder zur Auswahl der Musikstücke. Auch in einer Tagesspiegel-Umfrage vor einem Jahr hatten sich 63,7 Prozent der Anrufer für das Abspielen klassischer Musik ausgesprochen.

Ganz hat die BVG ihr Vorhaben auch noch nicht aufgegeben. Beim nächsten Besuch in München will sich BVG-Chef Andreas Sturmowski an Ort und Stelle die Musik-Bahnhöfe anhören.

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