BVG-Fähre : Trotz Streiks volle Kraft voraus

Seit acht Tagen bleiben Busse und Bahnen bei der BVG im Depot. Nur einige wenige halten Kurs – für die Fahrgäste sind sie die letzten Rettungsanker.

Rainer W. During

7.31 Uhr an der Kladower Imchenallee. Pünktlich legt der „Kohlhase“ ab. Das weiße Schiff der Stern- und Kreisschifffahrt pendelt auf der Fährlinie „F10“ im Auftrag der BVG täglich von 6 bis 18.30 Uhr zwischen Wannsee und Kladow. Seit seine Kollegen zu Lande streiken, hat sich die Zahl der Passagiere deutlich erhöht, sagt Schiffsführer Dietmar Scholz.

28 Passagiere gehen heute morgen an Bord, 200 hätten Platz auf den nostalgischen Rohrstühlen mit Kunststoffbezug an den Holztischen in der Kabine sowie auf dem Oberdeck, das auch als Fahrradparkplatz dient. Bootsmann Daniel Fuchs macht die Leinen los und greift dann zu Fahrscheinblock und Geldbörse. Die Überfahrt ist zum BVG-Einzelfahrscheinpreis von 2,10 Euro zu haben, samt Umsteigeberechtigung zur Weiterfahrt mit der S-Bahn und den Notbuslinien.

Die Kladower kommen zu Fuß oder parken ihr Auto am Ufer. „Ich nutze die Fähre auch sonst, je nachdem wie ich Zeit habe“, sagt Dieter Weingärtner, Ministerialdirektor im Verteidigungsministerium. Der Anschluss mit Regional- und S-Bahn sei gut und vom Potsdamer Platz sind es dann nur zehn Minuten Fußmarsch bis zu seinem Arbeitsplatz im Bendler-Block. Die Bundestagsangestellte Catrin Fechner nutzt im Sommer gern den Dampfer, um nach Mitte zu gelangen. Jetzt ist der Streik der Grund. Otto Eigen ist auf dem Weg nach Charlottenburg, wo er beim Mieterverein arbeitet. Raimund Wilhelm will zum Theodor-Heuss-Platz und macht jetzt den Umweg über Wannsee, um zum Bahnhof Messe/ICC zu gelangen. Der Marketing-Mitarbeiter beim RBB hat die Fähre erst durch den Streik entdeckt und will sie auch danach weiter nutzen: „Die Fahrt ist so viel schöner als mit dem Bus“.

Links zieht Schwanenwerder vorbei, das Strandbad Wannsee kommt in Sicht. Wenig später macht die Fähre an Brücke B fest. Von hier sind es nur ein paar Schritte bis zum Bahnhof. 19 Passagiere warten schon auf den Gegenkurs. Im Hochsommer ist das anders. Dann stehen so viele Ausflügler Schlange, dass oft nicht alle an Bord passen, obwohl dann die größere „Lichterfelde“ zum Einsatz kommt, berichtet Daniel Fuchs. Der Verwaltungsleiter eines Spandauer Ausbildungswerkes ist Stammgast an Bord. „Ist die Heizung repariert“ fragt er den Bootsmann. Kaputt ist öfter einmal etwas, schließlich ist das Schiff schon 54 Jahre alt.

Drei Jugendliche aus Pankow wollen zu einer Veranstaltung in einer Kladower Freizeitstätte. „Sonst hätten wir den ganzen Weg mit dem Rad fahren müssen“, sagt einer von ihnen. Schon ist die Fähre auf Gegenkurs Richtung Kladow. Wie an jedem Tag. Nur extreme Eisbildung, dichter Nebel oder starke Orkanböen, die das Anlegemanöver gefährlich machen, können sie aufhalten. Rainer W. During

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