BVG-Gewalt : Polizei will nicht Bus und Bahn fahren

BVG-Chef Andreas Sturmowski wünscht sich mehr Sicherheitspersonal, aber der Senat will keine zusätzlichen Mittel locker machen. In anderen deutschen Großstädten sind Übergriffe auf Busfahrer selten.

Jörn Hasselmann,Klaus Kurpjuweit

Es ist ein gefährlicher Job, Busse und Bahnen durch Berlin zu lenken. Fast täglich werden Übergriffe auf BVG-Personal gemeldet, Beleidigungen gehören inzwischen zur Routine für Fahrer. Die BVG würde gern zusätzliches Sicherheitspersonal einsetzen – nur dafür fehle das Geld, sagte jetzt erneut der BVG-Chef Andreas Sturmowski. Und der Senat will keine zusätzlichen Mittel lockermachen.

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) wünschte sich mehr Unterstützung durch die Polizei. In London etwa bezahle die Stadt 2000 Polizisten, die nur in Bussen und Bahnen eingesetzt werden. In Berlin sind die gemeinsamen Streifen zwischen BVG und Polizei 2003 eingestellt worden. Eine „Wiedereinführung dieser bewaffneten Fahrscheinkontrollen“, sei ausgeschlossen, sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch am Montag. Wenn sich irgendwo Straftaten häuften, werde es „jederzeit gemeinsame Streifen“ geben. Die frühere „flächendeckende“ Bestreifung sei nicht effektiv gewesen.

Die BVG vermisst aber nicht nur die finanzielle Unterstützung der Politik bei der Sicherheit im Nahverkehr. Es fehle auch eine öffentliche Verurteilung der Taten, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Eine allgemeine Ächtung der Übergriffe sei nicht zu erkennen.

Obwohl die Stimmung bei den Fahrern schlecht ist (siehe Beitrag unten), gebe es – noch – keine Wünsche, vom Dienst auf bestimmten Strecken verschont zu werden, sagte Reetz weiter. Einen Schwerpunkt für Übergriffe gebe es auch nicht, selbst wenn die meisten Taten aus Kreuzberg gemeldet worden sind.

In anderen deutschen Großstädten sind Übergriffe gegen Busfahrer selten. „Das Phänomen kennen wir nicht“, hieß es in Köln. Zwar gebe es „Streitereien zwischen Fahrgästen und Fahrern – aber keine Attacken“. In Hamburg sagte ein Sprecher, Angriffe seien „sehr selten“. Nachdem es vor zwei Jahren eine „kleine Häufung“ in Großsiedlungen gegeben habe, seien dort die Polizeistreifen verstärkt worden. Zudem hätte der Hamburger Verkehrsbetrieb Sicherheitspersonal an bestimmten Haltestellen und in Bussen postiert. „In den letzten Wochen und Monaten hat es keinen Fall gegeben“, hieß es auch in München. Aus Oberhausen dagegen wurden kürzlich Angriffe auf Busfahrer gemeldet. Da sich diese auf eine Linie vor einer Großdiskothek konzentrierten, wurde die Haltestelle mit Videokameras ausgerüstet, zudem wurden Wachleute für die Wochenend-Nächte engagiert.

Begleitpersonal soll auch in den S-Bahnen im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) üblich werden. In 90 Prozent der Züge sollen von 19 Uhr an Sicherheits- und Servicepersonale mitfahren – finanziert über den Verkehrsvertrag. Weil die Bahn AG nach VRR-Ansicht diese Vorgaben nicht erfüllt hat, kündigte der Verkehrsverbund den Verkehrsvertrag. Der VRR hat jetzt selbst fünf Sicherheitsfirmen beauftragt. Die Kosten muss der Verbund zusätzlich aufbringen. Dies sei so mit den politischen Gremien, die den VRR mitfinanzieren, vereinbart worden, sagte VRR-Sprecherin Sabine Tkatzik.

In Bochum und Gelsenkirchen habe der Verkehrsbetrieb Bogestra in einem Modellversuch 225 Begleiter in Bahnen und Bussen eingesetzt. Das Projekt sei so erfolgreich gewesen, dass jetzt 80 Dauerarbeitsplätze entstehen sollen, sagte Tkatzik. Auch die BVG setzt Begleiter in Bussen ein – 30 ehemalige Fahrer, die für den Fahrdienst untauglich geworden sind.

2008 ist die Zahl der Gewalttaten in Bussen und Bahnen laut Polizei „stark zurückgegangen“, genaue Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht. 2007 hatte es 4759 Körperverletzungen bei BVG und S-Bahn gegeben. Die Statistik unterscheidet nicht zwischen Personal und Fahrgästen. Die BVG führt eine eigene Statistik: In den ersten acht Monaten wurden danach 91 Busfahrer angegriffen, im Vorjahreszeitraum 128. Die BVG verweist aber darauf, dass die Angriffe an Brutalität deutlich zunehmen. Der VBB fordert nun einen „einheitlichen Wissensstand“ bei allen Beteiligten – wie es auch der VRR praktiziert.

Pariser Verhältnisse sieht die BVG indes noch nicht. Dort wurden Buslinien in Vororte, auf denen es häufig Übergriffe aufs Personal oder auf Fahrgäste gegeben hat, einfach eingestellt.

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