BVG : Gewaltiges Problem

Drogenhandel, Pöbeleien und Übergriffe: Wird der Nahverkehr immer unsicherer? Nein, sagt Polizeipräsident Glietsch. Die BVG müsse aber mehr für Busfahrer tun.

Sven Goldmann
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Abgetaucht. Polizeipräsident Dieter Glietsch ging mit dem Tagesspiegel für eine U-Bahn-Tour in den Untergrund. -Foto: David Heerde

Donnerstagabend am Kottbusser Tor. Es regnet. Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch bricht mit dem Tagesspiegel zu einer Tour durch den Berliner Untergrund auf – am Kotti, dem berüchtigtsten aller Berliner U-Bahnhöfe, in dessen Zwischenebene sich seit Jahren eine Parallelgesellschaft mit Drogenhändlern und -konsumenten eingerichtet hat. Am Kottbusser Tor, aber nicht nur hier, macht sich Verunsicherung breit. Zu Unrecht, findet der Polizeipräsident, „die Kriminalitätsrate sinkt, die Gewaltdelikte gehen zurück, auch im ÖPNV“, und natürlich könne man sich in Berlin bedenkenlos mit Bus und Bahn bewegen. Dafür will er an diesem Abend den Beweis führen.

Dieter Glietsch ist 61 Jahre alt, ein kleiner, nachdenklicher und leiser Mensch. Zur U-Bahnfahrt hat er ein paar Kollegen mitgebracht, alle tragen sie Zivil und manche einen Knopf im Ohr. Berlins oberster Polizist ist bekannt im Kiez. So bekannt, dass er vor einem halben Jahr bei der „Revolutionären 1. Mai-Demonstration“ am Lausitzer Platz mit fliegenden Flaschen begrüßt wurde. Glietsch winkt ab. Das Begleitkommando dient weniger seiner Sicherheit denn der Aufklärung eventueller Straftaten.

An der Dresdener Straße steigt Dieter Glietsch hinab. Der Umsteigebahnhof der Linien 8 und 1 mitten in Kreuzberg steht für die zunehmende Unlust vieler Berliner, ihr weit verzweigtes Nahverkehrssystem zu benutzen. Die U-Bahn gilt als bevorzugtes Revier von Drogenhändlern, und oben, auf den Straßen, wird alle paar Tage ein Busfahrer überfallen. An diesen Attacken auf ihr Personal sei die BVG vielleicht nicht ganz schuldlos, findet der Polizeipräsident. Er formuliert vorsichtig, aber bestimmt. Dieter Glietsch hat seine eigene Meinung zur Abwägung von wirtschaftlichem Interesse und der Sicherheit der Busfahrer, aber dazu später mehr.

Noch auf der Treppe erkennt ein Halbwüchsiger den Polizeipräsidenten, er tänzelt ihm hinterher und zeigt seinem Begleiter mit beiden Händen Hasenohren. Eine junge Frau mit Stecknadelkopf großen Augen taumelt ihm entgegen, ein Mann brüllt: „Herr Polizeipräsident, warum wollen Sie uns alle umbringen lassen?“ Dieter Glietsch hat das rosa geflieste Zwischengeschoss gerade zur Hälfte durchschritten, da unternehmen seine diskreten Begleiter einen ganz und gar nicht diskreten Zugriff. Ein Mann in wattierter Jacke, der allzu offensichtlich ein Drogenverkaufsanbahnungsgespräch führt, wird in eine Ecke gedrängt und durchsucht. Der Polizeipräsident nickt zufrieden. Von der anderen Seite nähert sich ein Mann mit Zigarette und Bierflasche. Dieter Glietsch dreht sich irritiert um, und der Mann sagt, er wolle ihm nur mal die Hand schütteln. Glietsch schlägt ein, „gerne, das ist ja nicht verboten“, und dann ist der Mann auch schon wieder weg.

Weiter geht es zum unterirdischen Bahnsteig der Linie 8. Glietsch wartet auf den Zug in Richtung Hermannstraße und erzählt, dass die Polizei den U-Bahnhof Kottbusser Tor gern zu einem Musterbahnhof ausbauen würde, „mit einer Videoüberwachung, die sehr viel mehr leisten kann, als das jetzt der Fall ist. Die Pläne sind ausgearbeitet, aber leider noch nicht umgesetzt worden. So etwas kostet viel Geld.“ Der Zug fährt ein, und wieder zieht der Polizeipräsident neugierige Blicke auf sich. Sein Eindruck vom kurzen Aufenthalt am Kottbusser Tor? Glietsch antwortet mit einer Gegenfrage: „Haben Sie diese Situation als Bedrohung empfunden? Es halten sich dort viele Leute auf, die offensichtlich unter Drogen stehen. Im Regelfall bleiben diese Leute unter sich und haben gar kein Interesse an Kontakt zu den normalen Fahrgästen.“ Und doch nehmen die Beschwerden zu, vor allem von Eltern, „wenn deren Kinder mit ansehen müssen, dass vor ihren Augen gedealt wird. Nicht in einer dunklen Ecke eines Bahnhofs, sondern in der U-Bahn. Deswegen haben wir unsere Präsenz in der U-Bahn verstärkt. Mit Erfolg.“

Der Zug erreicht den Bahnhof Schönleinstraße. Schummriges Licht, niedrige Decke, unruhige Gestalten, die über den Bahnsteig tigern. Glietsch ist vor ein paar Wochen schon mal hier gewesen, und seitdem empfindet er den Bahnhof Schönleinstraße als das Paradebeispiel für die Probleme, die ein vor Jahrzehnten gebautes U-Bahnnetz mit sich bringe. „Wenn Sie einen aus Polizeisicht perfekten U-Bahnhof sehen wollen, dann müssen Sie nach Rotterdam fahren. Dort ist in den vergangenen Jahren sehr viel in die Sicherheit der Fahrgäste und Angestellten investiert worden“, sagt er. Für Berlin sei das utopisch. „Wenn wir die Rotterdamer Verhältnisse auf das riesige Nahverkehrsnetz hier übertragen wollen, kostet das im Jahr einen mehrstelligen Millionenbetrag.“ Und: „Natürlich kann man eine drogenfreie U-Bahn in Berlin erreichen: mit Zugangssperren, umfassender Videotechnik und viel Personaleinsatz.“ Die dafür anfallenden Kosten würden ein Gespräch mit Finanzsenator Thilo Sarrazin eher nicht lohnen.

Nächste Station: Hermannplatz. Umsteigen zur Linie 7, wie die Linie 8 Schwerpunkt des Drogenhandels. Anerkennend mustert der Polizeipräsident die von Alfred Grenander entworfene Halle des unteren Bahnsteigs. „Der Hermannplatz gehört schon zu den U-Bahnhöfen, die wir verstärkt unter Beobachtung haben, weil hier eben sehr viel mit Drogen gehandelt wird“, sagt Glietsch. „Aber er gehört keinesfalls zu den hässlichsten. Schauen Sie sich doch einmal um, die hohe Halle, die gelben Fliesen, das ist kein unangenehmer Ort. Hier fühlt man sich nicht unsicher.“

Rechts geht es hinaus in Richtung Hasenheide, über die linke Treppe erreicht man den Metrobus M 29 in Richtung Roseneck. Das Verbindungsscharnier zwischen dem von sozialen Problemen gezeichneten Neukölln und dem wohlhabenden Grunewald. Der M 29 hat es zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht, seit dort ein Busfahrer Opfer einer Messerattacke wurde. „Ich stech' dich ab“, rief einer der beiden Täter und wurde doch nur wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt und nicht wegen versuchten Mordes. „Ich kann verstehen, dass sich kein Busfahrer darum reißt, den M 29 durch Neukölln und Kreuzberg zu fahren“, sagt Dieter Glietsch. „Aber das Gewaltproblem gibt es ja nicht nur in diesen Bezirken.“

Warum sinkt die Kriminalitätsrate im Allgemeinen und nehmen die brutalen Angriffe auf die Busfahrer im Besonderen zu? Darüber hat Dieter Glietsch lange nachgedacht, eine mögliche Antwort präsentiert er im Zug Richtung Rathaus Spandau. Könnte es nicht sein, dass die BVG dieses Problem zum Teil selbst zu verantworten hat? Bis 2004 konnten es sich die Fahrgäste aussuchen, durch welche Tür sie einen Bus betreten. „Die Übergriffe gegen die Busfahrer sind nach meinem Eindruck angestiegen, seitdem die BVG angeordnet hat, dass die Fahrgäste nur noch über die Vordertür einsteigen dürfen“, sagt Dieter Glietsch. „Dadurch sind die Fahrer sehr viel häufiger Konfliktsituationen ausgesetzt.“ Das sei eine ökonomische Entscheidung, die BVG spare viel Geld, „doch dafür nimmt sie in Kauf, dass die Busfahrer unter einem sehr viel höheren Druck stehen. Geld sparen und gleichzeitig Sicherheit garantieren, das funktioniert nicht.“ Wenn nun die BVG ihre Busfahrer auch als Fahrscheinverkäufer und Kontrolleure arbeiten lasse, „muss sie entweder in zusätzliches Personal oder in Technik investieren, um ein mehr an Sicherheit zu gewährleisten. Mehr Sicherheit für die Busfahrer zu gewährleisten, kann nicht der Polizei aufgebürdet werden. Hier ist zunächst die BVG gefordert.“ Glietsch will dem BVG-Vorstand deswegen jetzt einen Brief schreiben.

An der Möckernbrücke steigen Glietsch und seine Begleiter ein letztes Mal um. Auf dem windigen Bahnsteig der Hochbahn herrscht wenig Betrieb, der Zug Richtung Krumme Lanke ist nicht mal zur Hälfte gefüllt. Zeit für ein Fazit: „Die Kriminalität in Berlin können Sie nicht abschaffen. Nicht nur weil die Stadt arm ist und unter starken sozialen Spannungen leidet. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.“ Die nächsten Minuten widmet er einem sozialpolitischen Grundsatzreferat. Mehr Geld für die Polizei, wie es konservative Law-and-Order-Politiker gern fordern, sei keine Lösung. „Sie werden von mir nicht hören, dass ich den größten Posten im Berliner Haushalt für die Polizei reklamiere“, sagt der Präsident eben jener Polizei. „Die entscheidenden Fehler sind in den vergangenen Jahren woanders gemacht worden. Wir haben junge Menschen produziert, die ein nicht akzeptables Verhältnis zur Gewalt und zum Umgang mit der Gesellschaft an den Tag legen. Deswegen muss das meiste Geld auch nicht in die Polizei investiert werden, sondern in soziale Projekte, in Bildung und Schule. Die Polizei kann noch so gut ausgestattet sein, die eigentlichen Probleme wird sie nie lösen können. Wir müssen an die Ursachen ran und nicht die Symptome bekämpfen.“

Am Wittenbergplatz ist die Fahrt zu Ende. Ein großes Schild empfängt den Polizeipräsidenten: „Achtung, Lebensgefahr!“, es geht um vom Regen unterspülte Stromkabel. Als gebe es nicht Ärger genug im Berliner Untergrund.

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