Berlin : BVG-Kontrolleure: Drogendealer haben eine Monatskarte

Ingo Bach

Angst? Nein, auch jetzt noch geht Marlis Baginski mit Spaß an die Arbeit. Sie ist BVG-Kontrolleurin - und der Angriff auf zwei ihrer Kollegen, die am Montag bei einer Fahrschein-Kontrolle auf der U-Bahn-Linie U 9 niedergestochen wurden, ändert an ihrer Begeisterung nichts. "Das ist kein besonders gefährlicher Arbeitsplatz. So etwas kann einem überall passieren."

Seit neun Jahren fordert die 43-jährige Tag für Tag: "Die Fahrausweise bitte!" Und freut sich, jeden Tag andere Gesichter zu sehen - auch wenn die bei den erwischten Schwarzfahrern manchmal sehr lang sind, wenn sie das "erhöhte Beförderungsentgelt" von 60 Mark zahlen müssen. 360 "Schaffner im Kontrolldienst", so die offizielle BVG-Bezeichnung, haben die Verkehrsbetriebe zur Verfügung. Im Schnitt seien davon 150 täglich im Einsatz, sagt Helmut Blocksdorf, Chef der BVG-Kontrolleure.

Eine bestimmte psychologische Befähigung fordert die BVG nicht von den Kontroll-Anwärtern, doch werden sie von Psychologen und Sozialarbeitern geschult, kritische Situationen zu entschärfen. Dabei lernen sie beispielsweise, immer einen gewissen Abstand zum Fahrgast zu bewahren und nicht zu laut zu sprechen. Damit sollen Aggressionen verhindert oder zumindest gemildert werden. Doch Blocksdorf ist sich sicher, dass dies den Angriff vom Montag nicht hätte verhindern können: "Da ist ja nichts eskaliert. Der Angriff kam so plötzlich - ein heimtückischer Überfall." Und in Selbstverteidigung werden die Kontrolleure nicht ausgebildet.

Baginski hält vom Zurückschlagen ohnehin nicht viel. "Die tragfähigste Brücke ist Höflichkeit", sagt sie. "Da wird auch ein ärgerlicher Fahrgast wieder ruhig." Die Kontrolleurin ist überzeugt: "Man kann jeder Konfrontation aus dem Wege gehen." Es ist schwer, sich der Wirkung ihres ruhigen Lächeln zu entziehen, selbst dann, wenn man gerade ohne Fahrschein erwischt wurde. Das ist wohl das Geheimrezept von Marlis Baginski: ihr Lächeln und die Ruhe, die anscheinend durch nichts zu erschüttern ist.

Sie ist bisher von Übergriffen verschont geblieben, nicht aber von verbalen Attacken "mit Worten, die ich verarbeiten muss, aber niemals selbst in den Mund nehmen würde." Dieses natürliche Talent ist nicht bei allen BVG-Kontrolleuren zu finden. "Es gibt solche und solche", sagt Baginski. Mancher ist bereit, bei Schwarzfahrern beide Augen zuzudrücken, andere nehmen die Vorschriften sehr genau. Auf der anderen Seite steigt unter den Fahrgästen die Bereitschaft, sich mit Gewalt einer Kontrolle zu entziehen. Immer öfter werden Kontrolleure angespuckt, mit Fußtritten traktiert und geschlagen. 1999 registrierte die BVG 85 solcher Vorfälle, im Jahr 2000 waren es 158 und von Januar bis März 2001 insgesamt schon 40.

"Probleme gibt es häufig in den Zeiten, in denen wir bisher weniger oft kontrollierten", sagt BVG-Pressesprecherin Barbara Mansfield, "vor allem in den späten Abendstunden." Besonders schwierige Strecken gebe es aber nicht. Gerade auf den bei der Polizei als kritisch geltenden Bahnhöfen, zum Beispiel Kottbusser Tor oder Hermannplatz, haben die Kontrolleure nicht viel zu tun. "Die Dealer da haben alle einen Fahrschein, meist gleich eine Monatskarte, damit sie nicht aufallen", sagt Mansfield.

Schwierigkeiten gibt es eher im U-Bahnwagen. Bei Kontrollen halten die BVG-Mitarbeiter immer Blickkontakt untereinander, um sich bei bedrohlichen Situationen helfen zu können. Die Teams bestehen meist aus drei bis fünf Kontrolleuren. Bei Schwerpunktkontrollen, bei denen ganze Bahnhöfe abgeriegelt werden, sind sogar bis zu 70 Kontrolleure im Einsatz. Hinzu kommen dann auch noch Polizisten und BVG-Einsatzteams. Zehn Mal im Monat treiben die Verkehrsbetriebe solchen gigantischen Aufwand. Der Lohn der verstärkten Kontrollen: "Die Schwarzfahrer-Quote liegt nur noch bei 3,5 Prozent", sagt Barbara Mansfield.

Nicht immer helfen Höflichkeit und Deeskalationstraining weiter. Dann gehen die Erfolge bei der Jagd auf Schwarzfahrer auf die Knochen der Kontrolleure. Der Spaß am Job kann da ganz schnell auf der Strecke bleiben. Die am Montag verletzte Kontrolleurin, die im Krankenhaus ihre Wunde am Hals auskuriert, muss nun ein Trauma verarbeiten und will nicht mehr als Kontrolleurin arbeiten. Ihr ebenfalls verletzter Kollege dagegen will weitermachen.

Nun denkt die BVG über mehr Schutz für ihr Personal nach. Auch die Schutzwesten, die vor Jahren von den Kontrolleuren als zu unbequem abgelehnt wurden, sind wieder im Gespräch. "Allerdings hätten Westen die beiden Opfer auch nicht gegen die Messerstiche abschirmen können", sagt BVG-Pressesprecherin Mansfield. "Der Täter erwischte Körperstellen, die auch mit Weste nicht geschützt wären."

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