Berlin : BVG: Nahverkehr im Sonderangebot

Jörn Hasselmann

Seit der Wende sind die Preise für Busse und Bahnen in Berlin kontinuierlich gestiegen - und kontinuierlich laufen der BVG die Fahrgäste davon. Etwa 25 Prozent ihrer Kunden verlor die BVG seit 1991. Anders als Fahrgastverbände und die Grünen sieht die BVG dabei keinen Zusammenhang mit der Preispolitik. Die BVG behauptet seit Jahren sogar das Gegenteil: Mit einer Preissenkung würden auch die Einnahmen sinken.

Zum Thema Ted: Sind niedrigere Tarife für die BVG ein gutes Geschäft? Für die BVG-Sicht gibt es gute Argumente: So ist der Marktanteil des öffentlichen Nahverkehrs schon jetzt deutlich höher als in anderen Großstädten. Denn in Berlin gibt es deutlich weniger Autos als anderswo. Der Sprecher der S-Bahn, Ingo Priegnitz, hält es für einen Trugschluss zu glauben, dass eine Preissenkung mehr Geld in die Kasse bringen würde. "Der Berliner wählt sein Verkehrsmittel nicht in erster Linie wegen des Preises." Sondern er entscheidet nach der Fahrtzeit, der Bequemlichkeit beim Umsteigen und nach der Sauberkeit.

Während die Grünen die Preise um 30 Prozent senken wollen, setzt die weiterhin von SPD-Senator Strieder geführte Verkehrsverwaltung auf "flexiblere" Preise; mehr Geld will der Senat nicht herausrücken. "Man muss den Berlinern auf den Leib zugeschnittene Tarife anbieten", sagt Strieders Sprecherin Petra Reetz. Bislang habe es die BVG immer für bequemer gehalten, die Preise zu erhöhen. Die Verkehrsbetriebe hätten schlicht "keine Fantasie", kritisiert Reetz. Und die Politik hat kein Geld: Die Forderung nach Fahrpreissenkungen wird nicht von höheren Zuschüssen begleitet. "Die Politik verlangt, dass wir wirtschaftlich arbeiten", begründet S-Bahn-Sprecher Priegnitz seine Absage an Preissenkungen.

1989 hatte die rot-grüne Koalition die Preise für Monatskarten halbiert - doch wieviel neue Fahrgäste davon angelockt wurden, lässt sich nicht sagen. Denn 1989 fiel auch die Mauer.

Als Vorbild für eine erfolgreiche Preissenkungspolitik wird häufig Freiburg genannt. Doch in Freiburg liegt die große Preissenkung jetzt schon zehn Jahre zurück. 1991 wurde in Freiburg die Regiokarte eingeführt: In der Stadt und zwei Landkreisen gilt seitdem der Einheitstarif, eine Ermäßigung für Studenten oder Rentner gibt es nicht mehr. In Freiburg stieg der Preis damals von 45 auf 49 Mark, für die Bürger aus dem Umland wurde das Pendeln billiger. Mittlerweile ist der Preis für eine Monatskarte bei 71 Mark angelangt. "Denn wir machen seitdem auch nichts anderes als fantasielos die Preise zu erhöhen", räumt Anna Mangos vom Verkehrsverbund Freiburg unumwunden ein. Aber: Die Fahrgastzahlen sind in einem Jahrzehnt um über 50 Prozent gestiegen: 1990 fuhren 64 Millionen Menschen in Bussen und Bahnen, 1999 waren es 98 Millionen. Möglich wurde die Tarifsenkung in Freiburg nur, weil Kreis und Stadt zusätzliches Geld gaben:. "Die Politik muss tief in die Tasche greifen", betont Mangos.

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