Berlin : BVG-Notfälle: Bei Feuer im U-Bahn-Tunnel müssen Fahrgäste sich selbst helfen

Jörn Hasselmann

Die Berliner U-Bahn ist in ihrer 100-jährigen Geschichte von Brandkatastrophen mit Toten verschont geblieben. Doch mehrfach sind Fahrgäste nur knapp einem Inferno entgangen - zuletzt im Juli im Bahnhof Deutsche Oper. Im Februar dieses Jahres war ein S-Bahn-Waggon vollständig ausgebrannt - wenige Meter hinter dem fünf Kilometer langen Nord-Süd-Tunnel. Für Landesbranddirektor Albrecht Broemme gehört ein Feuer im Tunnel wie jetzt in Kaprun zu den schwierigsten Einsätzen überhaupt. Denn starker Rauch und Temperaturen von bis zu 1000 Grad behindern Helfer und flüchtende Fahrgäste.

Dennoch lassen sich die Tunnel der Berliner U-Bahn und der Gletscherbahn vom Kitzsteinhorn kaum vergleichen. Denn als der Brand ausbrach, blieb der Zug mit den etwa 180 Skifahrern automatisch stehen. Bei der BVG dagegen fahren die Züge nach dem Ziehen der Notbremse weiter in den nächsten Bahnhof - es sei denn, der Strom fällt aus oder wird abgeschaltet. Zudem gibt es in den ebenen Berliner Tunneln den "Kamineffekt" nicht, der in den Alpen das Feuer zum Inferno anheizte. Sichere Rettung bedeutet aber auch die Fahrt zur nächsten Station nicht. Denn auf den BVG-Bahnsteigen gibt es kein Personal mehr. "Wenn es brennt, müssen sich die Fahrgäste selbst helfen und warten, bis wir da sind", kritisierte ein Feuerwehrmann. Als 1994 ein Waggon im Bahnhof Spittelmarkt ausbrannte, konnte das damals noch vorhandene Personal die Fahrgäste in Sicherheit bringen.

Den Brand selbst bekämpfen können Fahrgäste nicht, denn die Feuerlöscher sind nicht zugänglich. Auf den Bahnsteigen finden sich nach einigem Suchen lediglich entsprechende Piktogramme an Türen oder Schränken. Doch die Türen sind immer verschlossen. Da meist auch kein Personal in den Zugabfertigerhäuschen sitzt, nützt ein Löscher dort auch nichts. Offen zugängliche Feuerlöscher will die BVG nicht in den Stationen installieren - sie würden gestohlen oder von Vandalen auf die Gleise geworfen, heißt es. Und das gefährde den Zugverkehr.

Die Feuerwehr fährt auf den Alarm "Feuer in U-Bahn" sofort mit vier Löschzügen sowie Notarzt- und Rettungswagen aus. Mindestens 60 Helfer rasen also sofort zur Unglücksstelle, und sei sie noch so klein. Zweimal im Jahr proben BVG und Feuerwehr auf jeder Linie den Ernstfall. Genaue Pläne aller Bahnhöfe in Berlin sind im Feuerwehr-Computer gespeichert. So wissen die Retter sofort, wieviel Ausgänge oder Fluchtwege es gibt. Als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung hat die BVG alle Stationen mit so genannten Rettungsloren ausgerüstet. Dies hatte die Feuerwehr nach dem Brand im Bahnhof Spittelmarkt 1994 angeregt. Mit den Loren können Verletzte schnell über die Gleise in Sicherheit gebracht werden. Alle 300 Meter gibt es bei der U-Bahn zudem einen Notausstieg. Nach den Feuern in den Alpen-Straßentunneln hatte die Bauverwaltung im Vorjahr erstmals die Autotunnel auf ihre Sicherheit getestet. Vor allem die Entlüftung wurde bemängelt.

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