Berlin : BVG: Selbstbedienung beim Fahrscheinverkauf

Klaus Kurpjuweit

Ein zu lasches Sicherheitssystem der BVG hat beim Fahrscheinverkauf Betrügereien und Diebstähle ermöglicht und zu Abrechnungspannen geführt. Unklar ist, wie hoch der dabei entstandene Schaden ist. Dass er einen zweistelligen Millionenbetrag erreiche, wie ein Experte dem Tagesspiegel sagte, bezeichnete Finanzvorstand Jochim Niklas als "Flurfunk".

Möglich wurde das Desaster durch die modernen "personenbedienten Verkaufssysteme" (PVS), die die BVG Ende 1999 / Anfang 2000 eingeführt hat. Sie drucken den jeweils gewünschten Fahrschein erst an Ort und Stelle aus. Die aufwändige Vorratshaltung von fertigen Fahrscheinen in Blockform wird dadurch verzichtbar.

Auch die etwa 650 privaten Verkaufsstellen sind mit PVS ausgestattet worden. Die BVG hat in den vergangenen Jahren die meisten Fahrkartenschalter in den U-Bahnhöfen geschlossen und den Verkauf in kleine Läden rund um die Bahnhöfe verlagert. Dort sei die Kontrolle völlig unzureichend gewesen, sagte ein Experte dem Tagesspiegel. Auch Niklas gab zu, dass das Sicherheitssystem zunächst Lücken hatte.

So ist das zu bedruckende Spezialpapier anfangs nicht als Wert-, sondern als gewöhnliches Papier behandelt worden - ohne besondere Sicherheitsmaßnahmen bei der Lagerung. Verschwunden sind nach Angaben von Niklas etwa 100 Rollen. Mindestens eines der elektronischen Geräte ist gestohlen worden. Wer das Spezialpapier besitzt, kann damit ohne Probleme "echte" Fahrscheine herstellen - und verkaufen. Inzwischen sind die Rollen nummeriert. Bei Kontrollen in Bahnen und Bussen konnte man nach Angaben von Niklas die gestohlenen Rollen deshalb erkennen. Anfang des Jahres flog eine Bande dadurch auf.

Das neue, von Siemens entwickelte System, hatte, wie Niklas weiter sagte, ferner zu Abrechnungspannen geführt. Wenn ein Gerät einen Verkauf nach dem Drucken mehrerer Fahrscheine abgebrochen hatte, war dies für die BVG zunächst nicht zu erkennen. Die Verkaufsstellen rechneten so wesentlich geringere Beträge ab. Die "Fehlerdatei" sei sehr groß gewesen, sagte Niklas. Gemeinsam mit Siemens habe man dieses Problem inzwischen gelöst und die Abrechnungen mit den Verkaufsstellen aktualisiert. Die nicht abgerechneten Beträge seien inzwischen nachgefordert worden.

Die S-Bahn, die ein ähnliches System benutzt, hat nach Angaben von Marketing-Chef Wilfried Kramer aber keine Probleme. Von Anfang an seien strenge Maßstäbe bei der Sicherheit angelegt worden. Zudem gibt es bei der S-Bahn nur etwa 70 private Verkaufsstellen, die erst gar nicht mit dem elektronischen System ausgestattet wurden. Während die BVG die Zahl ihrer Schalter in den Bahnhöfen seit Jahren reduziert hat, eröffnet die S-Bahn ständig neue Schalter mit eigenen Mitarbeitern - und dem "personalbedienten Verkaufssystem". Etwa 80 dieser Schalter gibt es inzwischen auf den 165 Bahnhöfen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der BVG, Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU), hat nach eigenen Angaben erst vor kurzem von dem PVS-Desaster erfahren. Er hat BVG-Chef Rüdiger vorm Walde aufgefordert, die Zahlen zur Schadenshöhe auf den Tisch zu legen.

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