BVG-Touren : Von Alt-Köpenick zum Müggelsee

Die eigene Stadt neu entdecken – mit einer reizvollen Kombination von Stadtspaziergängen und Fahrten mit Bussen und Bahnen. Das ist die Idee unserer Ausflugsserie "Mit der BVG auf Tour". Tour 3 führt in den wasserreichen Südosten.

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Unsere dritte Tour mit der BVG beginnt beim Hauptmann von Köpenick, der durch den spektakulären Überfall am 16. Oktober 1906 auf das Rathaus von Köpenick zu großer Berühmtheit gelangte. Mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten überfiel der als Hauptmann verkleidete Friedrich Wilhelm Voigt das Rathaus, verhaftete den Bürgermeister und raubte die Stadtkasse. Dafür wurde er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch von Kaiser Wilhelm II begnadigt und bereits am 16. August 1908 aus der Haftanstalt Tegel entlassen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
21.10.2010 10:29Unsere dritte Tour mit der BVG beginnt beim Hauptmann von Köpenick, der durch den spektakulären Überfall am 16. Oktober 1906 auf...

Manche Freunde haben sie damals für verrückt erklärt. Immerhin hatte Djamila Linke einen krisenfesten Job im öffentlichen Dienst, sie war Bibliothekarin in der Köpenicker Bezirksbücherei. Dennoch schickte sie im Herbst 1992 ihre Kündigung los und stürzte sich in ein beruflich unsicheres Abenteuer. Ihr Herz hing am traditionsreichen Flussbad an der Dahme im Köpenicker Kietz. Das hatte sie gerade zusammen mit Gleichgesinnten vor dem drohenden Abbruch gerettet. Nun wollten sie das um 1900 eröffnete Bad übernehmen, sanieren, wieder in Schwung bringen und dort ein soziokulturelles Zentrum aufbauen. Dafür brauchte man eine Geschäftsführerin, Djamila Linke übernahm den Posten. Es war „ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sie sich. Ihre ersten Kassenbücher habe sie aufgehoben. „Die waren ’ne Katastrophe.“

Ein feiner Sandstrand mit Blick auf die Schlossinsel, zwei Weiden, deren Ruten sich sanft im Wind wiegen. Im Flachen der Bereich für die Nichtschwimmer, umschlossen mit Holzstegen, von denen man herrlich hinaus in die Dahme springen kann. Und rechts und links zwei Caféterrassen, die den Strand einrahmen. Das Flussbad ist eine überschaubare, heimelige Welt am Wasser. Hier könnte man Erich Kästners „Doppeltes Lottchen“ neu verfilmen. Hier erlebt man an sonnigen Tagen Heinrichs Zilles Badeszenen in zeitgemäßen Varianten.

Aber das ist längst nicht alles: In den 18 turbulenten Jahren, während denen Djamila Linke das Bad für den 1992 gegründeten, gemeinnützigen Trägerverein „Der Coepenicker e.V.“ managt, sind weitere Projekte hinzugekommen: 1997 ein Neubau am Strand für das Restaurant „Krokodil“. Es hat sich zum beliebten Köpenicker Treff mit Kultur und Livemusik entwickelt. Dazu gehört ein Hostel für junge Leute in einer benachbarten früheren Bootswerft. Und vor sechs Jahren rundete der Verein sein Anwesen ab, indem er den Klinkerbau einer 100 Jahre alten Waschfabrik am Nordrand des Bades erwarb und zum Seminar-, Ausbildungs- und Schulungszentrum ausbaute.

In den vergangenen Wochen tagten dort Zivildienstleistende und Teilnehmer des Deutsch-Französischen Jugendaustausches. „Leute aus aller Welt kommen zu uns“, sagt Djamila Linke. Obwohl Köpenick ein gutes Stück von der Berliner City entfernt liegt. Doch die malerische Lage lockt viele Gäste. Außerdem finden sie das Engagement des Trägervereines interessant, der Badebetrieb, Gastronomie und Herberge mit kulturgeschichtlichen und sozialen Ansprüchen geschickt kombiniert. So gehört zum Flussbad auch ein Kinder- und Jugendtreff mit Werkstatt und Hausaufgabenhilfe. 16 fest angestellte Mitarbeiter halten den Betrieb in Gang, darunter mehrere Auszubildende.

Ein Stück Köpenicker Kulturgeschichte drohte verloren zu gehen - doch die Retter setzten sich durch

„Es war ein ständiges Werden und Wachsen seit 1992“, sagt Djamila Linke. Die schlanke Frau im schwarzen Flatterkleid streicht sich durch ihre Haare – hennarot sind die und lang bis zu den Hüften. Damals war sie gerade 30 geworden. Mit Freunden saß sie in diesen Tagen zusammen, gründete den Verein „Der Coepenicker“ und arbeitete für den Bezirk ein Nutzungskonzept aus. Bis 1991 war das Flussbad durchweg geöffnet gewesen, erst nach der Wende hatte man es geschlossen. Es verkam zur wilden Müllkippe, Abbruch und Verkauf wurden erwogen. Ein Stück Köpenicker Kulturgeschichte drohte verloren zu gehen. Doch die Retter setzten sich durch: Sie bekamen einen Mietvertrag.

Bis zu 18 Stunden am Tag haben sie anfangs selbst geschuftet, um das Gelände „zu entmüllen“ und im Juni 1993 eröffnen zu können. Doch auch Um- und Neubauten waren dringend nötig – nur: Woher das Geld nehmen? So gebar man bei rotem Wein die Idee, jeweils einen Quadratmeter des Bades symbolisch für 150 Euro zu verkaufen. Viel Geld kam in die Kasse, das Bad hatte jede Menge Fans.

Djamila Linke rührt in ihrem Milchkaffee, schaut hinaus auf die Dahme. Hat sie ihre Kündigung in der Bücherei schon mal bereut? „Nein, niemals.“ Sie war von Zuversicht getragen. Schließlich ist das Maskottchen des Flussbades und des Lokales ein Krokodil. Darauf kam Djamila Linke, als sie in den 90er Jahren einen Bildband über Krokodile geschenkt bekam. „Die werden ja steinalt“, sagt sie. „Und wenn sie ihr Maul aufreißen, sieht das aus, als ob sie lachten.“ So sollte auch das Flussbad sein: dauerhaft und ein Ort guter Laune.

Im Restaurant Krokodil flackern zu jeder Zeit Kerzen. „Damit man am Fluss gut träumen kann“, sagt die Geschäftsführerin. Sie selbst sei „ja hemmungslos romantisch.“ Deshalb mag Djamila Linke auch Köpenick, „eine Idylle am Wasser.“ Dort lebt sie seit Kindesbeinen. „Wenn ich von auswärts zurückkehre und über eine unserer Brücken nach Alt-Köpenick fahre, weiß ich: Jetzt bin ich zu Hause.“

Das Flussbad ist Mo. bis Sa. ab 13 Uhr, So. ab 11 Uhr geöffnet (außerhalb der Saison unbewacht). Öffnungszeit „Krokodil“: Mo.-Sa., 17-24 Uhr (Sommer ab 16 Uhr). Tel.: 65880094, www.der-coepenicker.de.

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