Berlin : Bye-bye Berlin

Sie singt vom Abschied, aber bleibt trotzdem hier: die Band Tele Ihre gutgelaunten Songs werden mittlerweile von MTV gespielt

Kolja Reichert

Berlin, Ecke Schönhauser: Eine Gegend, die den Charme des Provisorischen versprüht. Kollwitzplatz, Hackescher Markt und andere „Szeneviertel“ scheinen meilenweit weg zu sein. Das kreative Nomadentum hat sich in diesem Teil Prenzlauer Bergs eingerichtet. Freiberufliche Gestalter und Programmierer wohnen hier, Leute wie Tobias Rodäbel und Martin Brombacher von der Band Tele. Ihr Sänger Francesco Wilking erzählt von seinen Ferien auf dem Bauernhof im Schwarzwald – dem Landstrich, aus dem der Großteil der Band stammt. 1999 hatten sich Tele in Freiburg gegründet und die Postrock-Szene in Entzückung versetzt, mit deutschen Texten, latent politisch, aber immer entspannt. Schon in einem der frühen Songs, „Now Now Now“, sang Wilking zum Thema Gesellschaft: „Gegen die kann ich nicht sein.“

Seit sechs Jahren wohnen die Jungs in Berlin. Fühlen sie sich inzwischen zu Hause? Bassist Jörg Holdinghausen sagt ja, aber der hat sich auch am Stadtrand eingerichtet: in einer Wohnung mit Garten in Köpenick. Die anderen sind sich nicht ganz sicher. „Berlin hat offene Arme“, setzt Wilking an, „aber sie halten dich nicht“, ergänzt Brombacher. „Bye- bye Berlin“, ein Stück auf der neuen Platte „Wir brauchen nichts“, spiegelt dieses Gefühl des Nicht-Ankommens. Es ist eine Ballade auf die Stadt „voller Leute, die alle wie ich aussehen“ und sich zwischen alten Heiligenbildern und Second- Hand-Möbeln in einer eigenartigen Zeitferne einrichten. Eine Liebeserklärung? „So kann man es sehen“, sagt Wilking.

Tele lassen sich nicht so einfach festlegen. Zeilen wie „Wir sind Gefangene in diesem System / ich hab keine Ahnung, ob wir je was bewegen“ klingen aus Francescos Mund nicht wie eine Klage, sondern wie Sommeranfang, und die Band rockt dazu so ausgeschlafen wie die Funkstars der frühen Siebziger. „Ich fand es immer eine spannende Frage, wie man Politik mit Musik verbindet“, sagt Francesco Wilking. „Meist geschieht das mit diesem Barrikaden-Feeling.“ Nicht seine Sache – wenn die Apokalypse vor der Tür steht, wird wenigstens kräftig mitgefeiert, wie in der kommenden Single „Fieber“, die die Bedrohlichkeit eines Katastrophenszenarios in ausgelassene Partystimmung wendet.

„Wir brauchen nichts“ ist eine ausgesprochen gut gelaunte Platte geworden, was der Band gedankt wird: Das Video zur ersten Single „Mario“ lief auf MTV in der Heavy Rotation. „Früher haben wir die Lieder mehr geplant, diesmal sind sie aus dem Spielen heraus entstanden“, sagt Rodäbel. Die Tour durch Afrika, auf die sie das Goethe-Institut im WM-Sommer geschickt hatte, trug auch ihren Teil zur neuen Spielfreude bei: „Es war spannend, vor Leuten aufzutreten, die die Texte nicht verstanden“, sagt Keyboarder Patrick, „die Musik rückte in den Mittelpunkt.“ Durch fremde Länder zu touren, schweißte auch die Band noch enger zusammen – was die Entscheidung erleichterte, die für die Anfang 30-Jährigen anstand: sich für etwas zu entscheiden. Denn Tobias Rodäbel und Martin Brombacher sind nicht die Einzigen mit Baustellen auf dem Lebensweg. So unterrichten ihre Kollegen nebenher an der Rock Pop Schule, trommeln in einer anderen Band oder müssten gar das Germanistikstudium beenden. Dennoch fühlt sich Gitarrist Tobias Rodäbel in Berlin noch immer wie auf Zwischenstation. „Eigentlich denke ich alle zwei Monate darüber nach, wo ich als Nächstes hinziehen könnte.“ Doch so leicht kommt er hier dann doch nicht weg. Am Ende von „Bye-bye Berlin“ wird der Sänger, kurz bevor er in den Zug steigt, von seinen Freunden zurückgehalten. „Bye-bye Berlin“, singen sie alle im Chor – und bleiben trotzdem da.

Tele spielen heute Abend um 19.30 im Postbahnhof am Ostbahnhof

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