Berlin : Camping am sozialistischen Gang

Vorwärts immer, rückwärts auch: Potsdams Zeltplatz bietet vergesslichen Gästen eine sehr spezielle Orientierungshilfe.

Katharina Wiechers
Straßen der Besten.
Straßen der Besten.

Potsdam - Der Campingplatz „Sanssouci“ hat alles, was sich der Zeltplatzbesucher wünscht: gepflegte Wege unter Schatten spendenden Bäumen, saubere Toiletten, eine familiäre Atmosphäre und klar geregelte Ruhezeiten. Sogar der ADAC, quasi die oberste Instanz beim Urteil über die Campingplätze der Nation, hat dies bemerkt und zeichnete den einzigen Potsdamer Zeltplatz vor drei Jahren mit dem Camping Caravaning Award für sein „exzellentes Service-Konzept“aus.

Zu dieser Idylle am Templiner See passen auch die Namen, die sich die Betreiber für die Wege durch die Reihen von Zelt- und Dauercamperplätzen ausgedacht haben: Fasanenweg, Fuchsweg oder Schneckenweg steht auf den grünen Schildern, daneben jeweils ein Bildchen des jeweiligen Tiers. Doch einige Schilder passen so gar nicht zur harmlosen Tierwelt: Der Hauptweg am Seeufer entlang heißt DDR-Promenade. Sie ist eine Verlängerung der Erich-Allee und wird gekreuzt vom Trabbiweg. Bloß eine Erinnerung an vergangene Zeiten? Ein Witz? Oder gar ein politisches Statement?

Auf dem Platz gehen die Meinungen darüber auseinander. Und auch wenn es nur um ein paar grüne Schilder geht, wirft die alle paar Jahre wieder hochkochende Debatte um die Straßennamen ein bezeichnendes Bild auf das Verhältnis zwischen Ost und West in Potsdam – auch fast 24 Jahre nach der Wende.

Auf der einen Seite stehen die, die sozusagen schon immer da waren. Wie das Rentnerehepaar, das an diesem sommerlichen Tag den Mittagstisch vor seinem Caravan abräumt. Seit 1970 seien sie Dauercamper auf dem Platz am Templiner See, erzählt die Frau, Mitte 60, stolz. „Aber das sollen wir ja nicht mehr sagen, Langzeitbesucher heißt das jetzt.“ Sie trägt ihre weißen Haare sportlich kurz, hat ein freundliches Gesicht und wache Augen. Neugierig kommen sie und ihr Mann im weißen Feinripp an den Zaun um ihren kleinen Vorplatz, als sich fremder Besuch nähert. Ihr Caravan liegt direkt am Seeufer und damit an der DDR-Promenade. Darauf angesprochen, sprudelt es nur so aus den beiden heraus. Ihren Namen wollen sie aber nicht nennen. „Sonst müssen wir hier weg.“ Die Betreiber seien doch Wessis und hätten deshalb auch kein Recht, solche Straßennamen zu vergeben, schimpft die Frau. „Die haben doch gar keine Ahnung, wie das hier war. Wir finden das unmöglich.“

Und sie haben noch mehr auszusetzen an den Campingplatzchefs. Ja, man müsse ihnen zugestehen, dass der Platz sauber und ordentlich ist. „Aber jetzt tun die so, als hätten sie hier alles erschaffen. Aber dass es hier so schön ist am See, ist ja nicht deren Verdienst.“ Sogar im Gegenteil, wettert der Mann und lässt sich von den Beschwichtigungsversuchen seiner Frau nicht aufhalten: Der Weg vor ihrem Camper sei noch zu DDR-Zeiten gebaut worden und bis zuletzt im besten Zustand gewesen. Doch dann hätten die Betreiber ihn kaputt gemacht, indem sie mit schwerem Baugerät darüberfuhren. Wie auf Bestellung biegt in diesem Moment ein Traktor auf die DDR-Promenade ein.

Auf der anderen Seite steht Walter von Ohlen, einer der beiden Pächter des Platzes. Schon vor der Wende hatte er einen Campingplatz im Westen der Bundesrepublik. Als dann die Grenzen geöffnet wurden, reiste er ein Jahr lang durch die DDR und suchte nach einem geeigneten Ort für seinen Neustart. Schließlich entdeckte der Oldenburger den seit 1955 bestehenden Zeltplatz „Gaisberg“ am Templiner See. Er sei nach Hause gefahren und habe zu seiner Frau gesagt: „Komm, wir gehen in den Osten“, erinnert sich von Ohlen. Er verkaufte seinen Besitz und übernahm mit seinem Schwager Dieter Lübberding den Platz.

Erstmal musste er „aufräumen“, wie von Ohlen es ausdrückt. Die Camper hätten teils selbstgezimmerte Holzzäune um ihre Wagen gebaut, „furchtbar hässlich“. Als er verlangte, dass sie abgebaut werden, gab es Reibereien. Von Ohlen sagt nicht „Reibereien“, sondern schlägt die Knöchel seiner geballten Fäuste aneinander. Doch mit einem Ost-West-Konflikt hätten die Straßennamen nichts zu tun, sagt von Ohlen und lacht. „Das ist doch Quatsch.“ Die Bezeichnungen seien damals eingeführt worden, weil der ADAC dies empfohlen habe, zur besseren Orientierung. Damit sich auch die Kinder merken können, an welchem Weg das Zelt ihrer Familie steht, wurden die Bilder danebengesetzt. Bei der DDR-Promenade ist es der goldene Ährenkranz mit Hammer und Zirkel, beim Trabbiweg eben das Auto. Und an der Erich-Allee wurde es eine Karikatur Honeckers. „Der sieht doch lustig aus“, findet von Ohlen. Und warum nicht einfach nur Tiernamen? „Viele Gäste aus dem Ausland haben uns immer wieder gefragt, ob wir hier im Westen oder Osten sind“, sagt er. Mit den Straßennamen sollte dies ein für alle Mal geklärt werden. Es habe sich auch noch nie jemand beschwert, sagt von Ohlen, gibt aber zu: „Für jemanden, der von der Stasi verfolgt wurde, mag das nicht so schön sein.“ Aber das sei eben Geschichte, „die kann man nicht einfach ausradieren“.

Von Ohlen ist stolz darauf, was er, seine mittlerweile verstorbene Frau und Mitbetreiber Lübberding geschaffen haben. Rund 40 Leute beschäftigt der „Königliche Campingpark Sanssouci“ mittlerweile, viele würden auch über den Winter bezahlt, sagt er. 240 Plätze für Dauercamper und Touristen gibt es auf dem sechs Hektar großen Platz, zudem können Caravans gemietet werden. Direkt am Wasser gibt es eine Badestelle, außerdem werden Surfkurse angeboten, ein Schild lädt zu einer Katamaranfahrt ein, Fahrräder können ausgeliehen werden. Nicht nur der ADAC hat das Engagement von Ohlens und Lübberdings gewürdigt, auch das Land zeichnete den Campingplatz mit dem Siegel „Servicequalität Brandenburg“ aus und erklärte das Unternehmen offiziell zum Umweltpartner.

Von Ohlen muss nun weiterarbeiten, ein Campingwagen passiert das große Tor am Eingang. Eine Rentnerin steigt aus und wird per Handschlag vom Chef begrüßt. „Vier Stunden Fahrt von Nürnberg hierher? Na das geht ja.“ Viele Gäste aus dem Süden oder Westen Deutschlands machen Urlaub auf dem Platz. Die Kennzeichen stammen aus dem niedersächsischen Vechta oder aus dem Landkreis Pinneberg in Schleswig-Holstein.

Und was sagen die, die nur ein paar Tage lang auf dem Campingplatz „Sanssouci“ sind zur DDR-Promenade oder zur Erich-Allee? Frank Henkel, mit seiner Frau aus Fulda zu Gast, zuckt die Schultern. „Was gibt es daran auszusetzen?“, fragt er. „Gegen einen Willy-Brandt-Platz hat ja auch keiner was.“ Auch dass sich ehemalige DDR-Bürger angegriffen fühlen, versteht er nicht. „Die sollen doch stolz sein“, meint er. „Stellen Sie sich mal vor, das wären West-Namen. Dann gäb’s doch erst recht Ärger!“

Direkt hinter dem Schild, das auf den Trabbiweg hinweist, sitzt ein älteres Paar aus Friesland auf Klappstühlen. Sie sind zum ersten Mal in Potsdam, zweieinhalb Wochen lang wollen sie sich die Landeshauptstadt und natürlich auch Berlin ansehen. An dem eigenwilligen Namen ihrer vorübergehenden Adresse stören auch sie sich nicht. „Wir haben das erst gar nicht registriert“, sagt der Mann. Erst als ein paar Spaziergänger sich im Vorbeigehen über die Schilder mokiert hätten, sei es ihm und seiner Frau aufgefallen. „Das ist eben Geschichte“, findet diese. „Man kann ja nicht verschweigen, dass das hier mal DDR war. Und hier machen ja auch viele Ossis Urlaub.“

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