Campus-Strategie : Die Zukunft an Berliner Universitäten

Berufsorientierte Studiengänge, global denkende Forscher, exzellente Unis, mit Betrieben kooperierende Wissenschaftler. Unsere Zukunftsserie beschäftigt sich mit Berlin im Jahr 2030. Heute: Die Universitäten.

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Wollte jemand in der Friedrichstraße ein Reihenhäuschen bauen, müsste er mindestens zwei Millionen Euro allein für das Grundstück bezahlen. Wohin aber mit dem Garten, wenn man in die Höhe bauen muss? Aufs Dach!
Wollte jemand in der Friedrichstraße ein Reihenhäuschen bauen, müsste er mindestens zwei Millionen Euro allein für das Grundstück...Foto: Graft

Wo Berlins Zukunft liegt, kann jedes Jahr im Frühsommer beobachtet werden. Dann öffnen bei der Langen Nacht der Wissenschaften die Forschungseinrichtungen ihre Pforten. Und wer da etwa sieht, wie Wissenschaftler im Adlershofer Elektronenspeicherring kleinste Teilchen durch die Gegend jagen, um die Beschaffenheit hochempfindlicher neuer Materialien zu testen, kommt sich bereits vor wie im Science-Fiction-Film.

Keine Stadt in Deutschland hat eine so vielfältige Wissenschaftslandschaft wie Berlin. Insgesamt 34 staatliche und private Hochschulen haben ihren Sitz in der Stadt, darunter die drei großen Unis: die Freie Universität, die Humboldt-Universität und die Technische Universität. Fast hundert Forschungsinstitute und unzählige private Bildungseinrichtungen kommen dazu. Im Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft liegt Berlin als Wissenschaftsstandort vor München bundesweit an der Spitze. Eine „hervorragende Ausgangsposition“ habe Berlin, lobt die Prognos-Studie denn auch. Die „einzigartige Dichte an Wissenschaftseinrichtungen“ sei „das zentrale Kapital der Zukunft“. Berlin werde reüssieren, wenn es sich als „Stadt des Wissens und der Forschung“ begreife.

Ulrich Schreiterer, Soziologe und Hochschulforscher am Wissenschaftszentrum, sieht Berlin als „Trendsetter“ für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Schreiterer glaubt, dass es in der Stadt in 20 Jahren deutlich mehr Hochschulen und Studierende geben wird. Die komplexere Arbeitswelt fordere besser ausgebildete Arbeitskräfte. Dabei werden sich auch viele private Einrichtungen etablieren, die stark berufsorientierte Studiengänge oder bedarfsgerechte Weiterbildungen auflegen. „No-frills-Hochschulen“ nennt Schreiterer diesen Uni-Typ. Wie Billigflieger konzentrieren sie sich auf ein Produkt – eine maßgeschneiderte Ausbildung – ohne zusätzlichen Schnickschnack („frills“) anzubieten. Schnickschnack wäre in diesem Fall etwa exzellente Forschung. Die bleibt den großen staatlichen Universitäten und den hervorragenden Forschungsinstituten vorbehalten – die Einrichtungen, mit denen Berlin auch 2030 punkten kann.

Die Zukunft des Flughafen Tegel
Sollte der Flughafen Tegel doch eines Tages geschlossen werden, gibt es heute schon Ideen für die Umgestaltung: Über die Treppe hinab zum Rollfeld. So stellen sich Graft-Architekten die Zukunft des Flughafen Tegel vor.Weitere Bilder anzeigen
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15.12.2013 15:21Sollte der Flughafen Tegel doch eines Tages geschlossen werden, gibt es heute schon Ideen für die Umgestaltung: Über die Treppe...

Die exzellenten Unis wie die FU werden in zwei Jahrzehnten sehr viel internationaler aufgestellt sein, sagt deren Präsident Peter-André Alt. Bei Forschungsvorhaben denke man global – und arbeite mit Partnern aus aller Welt zusammen. Moderne Kommunikationsmittel erleichtern den Austausch über die Kontinente, ohne dass Forscher ständig auf Reisen gehen müssen.

Der Maßstab für Berlin dürfe 2030 nicht mehr München sein, fordert die Zukunftsstudie der Prognos AG im Auftrag der Berliner Bank. Berlin müsse mit Oxford oder Boston in einer Liga spielen. Um Boston liegen die Harvard-Universität und das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Prognos fordert eine Dachmarke für die Berliner Wissenschaft, unter der sich die Einrichtungen weltweit besser repräsentieren und noch mehr Topwissenschaftler anziehen. Mit der Einstein-Stiftung sieht die Studie den Senat auf einem guten Weg. Bisher ist die Stiftung allerdings durch viele Querelen aufgefallen. Mit einer institutionenübergreifenden Dachmarke könne man höchstens „einen kurzfristigen Überraschungserfolg“ im internationalen Wettbewerb erzielen, sagt Ulrich Schreiterer. Letztlich zähle dort vor allem die einzelne Institution: Harvard, die Harvard Medical School oder das MIT, nicht aber Boston seien Marken für höchste Qualität.

Auf jeden Fall müssten Forscher und Unternehmen enger zusammenrücken, um besser als bisher bahnbrechende Forschungserkenntnisse in verkaufbare Produkte umzusetzen, heißt es in der Studie. So könnte das Gelände des Flughafens Tegel zu einem riesigen Campus für Umwelttechnologie werden. Institute zumal der TU würden sich hier neben ganz neuen Forschungseinrichtungen und Ausgründungen aus den Unis ansiedeln, weitere Firmen kommen dazu. Forscher und Unternehmer haben einen kurzen Draht zueinander, weil sie Tür an Tür arbeiten.

Die Unis setzen diese Campus-Strategie bereits um. Wenn es nach der TU geht, wird sie 2030 Kern des „Charlottenburg Valley“ sein: Um den Ernst-Reuter-Platz sollen die Institute der TU, der UdK sowie neue und alte Firmen zu einem neuen Technik-Campus ausgebaut werden. Die Freie Universität konzentriert sich schon seit längerem auf dem Campus Dahlem. In Kürze will die FU jungen Firmengründern Flächen in der Nähe ihrer Institute und Labore zur Verfügung stellen, um den Austausch von Wissenschaft und Wirtschaft zu verbessern. Das Modell könne ebenso auf die Geisteswissenschaften übertragen werden, sagt FU-Präsident Alt. Denkbar sei, Kommunikationsunternehmen in Dahlem anzusiedeln.

Ein gutes Beispiel ist auch die Wissenschaftsstadt Adlershof, wo die Naturwissenschaftler der HU, außeruniversitäre Institute und viele Firmen angesiedelt sind. Schon jetzt arbeiten hier Forscher und Unternehmer eng zusammen. So forschen in einem Kompetenzzentrum Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums Berlin sowie der TU mit Kollegen anderer Hochschulen und den in Berlin ansässigen Solarfirmen an neuen Solarzellen, die viel wirksamer als die heutige Generation sein sollen. Die Idee, dass Wissenschaftler einsam vor sich hinforschten und quasi zu einer Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gezwungen werden müssten, sei „sehr veraltet“, sagt Bernd Rech, der das Zentrum mitgegründet hat. Um aus Grundlagenforschung verkaufsfähige Produkte zu machen, dauere es allerdings schon einmal zwei Jahrzehnte. Was Rech und seine Kollegen heute entdecken, könnte das sein, was eine Solarfirma im Jahr 2030 ganz groß rausbringt. Die Zukunft hat hier also längst begonnen.

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