Berlin : Cancan im Kleingarten

Im Estrel trafen sich 1000 bundesdeutsche Laubenpieper. Die Marzahner holten im Wettbewerb eine Goldmedaille

Annette Kögel

Dass Werner Haltinner ein Kleingärtner der erste Stunde ist, merkt man schon bei der Begrüßung. Der 72-Jährige besitzt einen Händedruck wie ein Bodybuilder. „Das kommt vom vielen Umgraben mit dem Spaten“, sagt der Vorsitzende der Kolonie „Am Kienberg e.V.“. Früher hieß die Anlage mit 135 Parzellen „35. Jahrestag der DDR“. Den Namen erhielt die Kolonie 1984 als 10 000. Kleingartenanlage der Deutschen Demokratischen Republik. Am Sonntag konnten sich Haltinner und Laubenpieper-Kollegen der Kolonie „Am Wuhleteich“ und der „Gartenfreunde Wuhletal“ über eine weitere Auszeichnung freuen: eine Goldmedaille beim Wettbewerb „Gärten im Städtebau“.

Zur Siegerehrung im Hotel Estrel kamen gestern nicht nur Iris Gleicke, Parlamentarische Staatsekretärin beim Bundesbauministerium, sondern auch 1000 Laubenpieper aus Crimmitschau und Döllnitz, aus Oschatz und Sömmerda, aus Münster, Bremen und Dortmund. 5700 Kilometer war die Jury zuvor quer durch Deutschland gereist, um Ökoteiche, begrünte Dächer, Wimpelketten, Kinderschaukeln und Wildblumenwiesen in 52 Anlagen zu begutachten. Die Marzahner Parzellen hielten dem prüfenden Blick stand. Die Weddinger Laubenpieperfreunde der Anlage „Am Wiesengrund“ und vom „Zähringer Korso“ in Tempelhof-Schöneberg errangen Bronze. Darüber freuten sich Klaus Kunde aus Wedding („Ich bin als kleiner Piepel im Garten aufgewachsen, und jetzt auch im Winter dort“) sowie Franz Grothe („Bei mir im Garten steht ein 1-Meter-Gartenzwerg“).

Im Estrel wurden also Schultern geklopft, Biere gezischt und Fotos gemacht. Auch von den Tanzgruppen. Sie zeugten davon, dass die vier Millionen deutscher Kleingärtner – ein Drittel davon ausländischer Herkunft – inzwischen auch einen integrativen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen. So traten frankophile Cancan-Tänzerinnen auf, und zudem präsentierte die Schreberjugend-Gruppe aus Klein-Machnow original irischen Stepptanz. „Wer hätte da nicht gern einen Kleingarten in unmittelbarer Nähe“, kommentierte der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, Ingo Kleist, und das zumeist männliche Publikum im Saal applaudierte.

Mit der Gleichberechtigung ist es offensichtlich bei den Pächtern der 81 785 Kleingärten in Berlin noch nicht allzu weit her: Funktionärinnen trifft man eher selten. In Marzahn hat es immerhin Elke Thomas, Chefredakteurin einer Geflügelfachzeitung, bis in den Kleingarten-Vereinsvorstand gebracht.

Was die Größe der Gärten angeht, können die Ost-Berliner manch westdeutschem Gartenfreund etwas vormachen. Eine Laube ist dort im Schnitt 30 Quadratmeter groß, eine Parzelle rund 300. Genauso viele Obstbäume wachsen in der Marzahner Anlage am Wegesrand, „da kann sich gern jeder was pflücken“, sagt Laubenpieper Werner Haltinner. Manche Jugendliche nutzen Apfel und Pflaume indes am liebsten als Wurfgeschoss. Aber die Übeltäter müssen vor Entdeckung auf der Hut sein: Eine bundesdeutsche Kleingartenhecke darf nicht höher wachsen als 1,25 Meter.

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