Canisius-Kolleg : Jesuiten-Orden: Weitere Missbrauchsfälle in Hamburg

UPDATE Der frühere Pater, der an mindestens 22 Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg beteiligt war, soll sich auch an Jungen in anderen Jesuitenschulen vergangen haben. Der frühere Rektor des Canisius-Kollegs fürchtet um den Ruf der Jesuiten. Berlins Erzbistumssprecher sieht keinen Handlungsbedarf für besondere Kontrollen oder Maßnahmen in Berliner Schulen oder Gemeinden.

von und
320755_3_xio-fcmsimage-20100131221838-006003-4b65f3aec8879.heprodimagesfotos83120100201canisius.jpg
20 Schüler sollen bis Anfang der 80er-Jahre am Canisius-Kolleg missbraucht worden sein. Einer der Täter will bereits 1991...Foto: ddp

Nach dem Missbrauchsskandal an einer Berliner Jesuiten-Schule gibt es jetzt auch Opfer an einer Hamburger Schule. „Das, was viele befürchtet haben, hat sich bewahrheitet“, sagte Bistums-Sprecher Manfred Nielen am Montag. Es hätten sich zwei ehemalige Schüler der Sankt-Ansgar-Schule gemeldet, die Opfer des Jesuitenpaters S. wurden, der bereits eingeräumt hatte, Schüler des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin missbraucht zu haben. Der Pater hatte laut Bistum von 1979 bis 1982 an der ehemaligen Jesuiten-Schule in Hamburg unterrichtet. Danach wechselte er an ein Jesuiten-Gymnasium in St. Blasien im Schwarzwald. Auch an dieser Schule soll S. Schüler missbraucht haben.

Die Affäre um sexuelle Missbrauchsfälle am jesuitischen Canisius-Kolleg beunruhigt auch Katholiken außerhalb Berlins. Am gestrigen Sonntag war in allen Kirchen das Hohe Lied der Liebe der vorgegebene Predigttext, auch in St. Michael in der Münchner Fußgängerzone. „Ich konnte nicht über die Liebe predigen, ohne an die Vorfälle im Canisius-Kolleg in Berlin zu denken“, sagte Pater Hermann Breulmann am Sonntagnachmittag. Er ist heute Pater in der Jesuitenkirche in München. Von 1996 bis 2000 war er Rektor am Berliner Canisius-Kolleg und damit direkter Vorgänger des heutigen Rektors Klaus Mertes. Am Sonntagmorgen sprach Breulmann in St. Michael dann über Nähe und Distanz, auch über das Lehrer-Schüler-Verhältnis, in dem es keine falsch verstandene Nähe geben sollte.

Die Schlagzeilen vom Canisius-Kolleg in Berlin, an dem bis Anfang der 80er-Jahre mindestens 20 Schüler von zwei ehemaligen Lehrern sexuell missbraucht worden sein sollen, beunruhigten auch Münchner Eltern, sagt Breulmann. Der Schaden, der durch diesen Fall für die katholische Kirche und für den Jesuitenorden entstanden ist, sei nicht zu unterschätzen, sagte Pater Breulmann. „Das ist eine Delle, eine Wunde für den ganzen Orden.“ Dass Mertes die Vorfälle aufklären wolle, und dabei auch in Kauf nehme, den Ruf der Schule und des Ordens zu beschädigen, findet Breulmann gut. „Der Einzelne sollte immer vorgehen, nicht die Institution.” Er habe mit Pater Mertes telefoniert, auch mit dem Provinzialoberen des Jesuiten-Ordens in München, Stefan Dartmann, der am heutigen Montag nach Berlin fliegt. Auch unter den ehemaligen Schülern des Canisius-Kollegs sei der Gesprächsbedarf hoch. Es hätten ihn einige seiner ehemaligen Schüler angerufen. Missbrauchsopfer kenne er aber keine. Er habe auch als Rektor „nicht mal Gerüchte“ über solche Fälle gehört.

Rätselhaft bleibt, warum die Schulleitung des Canisius-Kollegs nichts von den Missbrauchsfällen erfuhr. Denn einer der Täter, Wolfgang S., hatte, wie berichtet, die Übergriffe nach eigenen Angaben bereits 1991 gegenüber den Provinzialoberen des Jesuiten-Ordens eingestanden.

Unklar ist auch, warum der Orden nach dem Geständnis nicht die Strafverfolgungsbehörden einschaltete. 19 Jahre wurde der Fall offensichtlich unter Verschluss gehalten. Wie jetzt bekannt wurde, hat Wolfgang S. bis heute in kirchlichen Organisationen gearbeitet, in denen er auch Kontakt zu Jugendlichen hatte. Zuletzt leitete er für den internationalen katholischen Sozialverband „Kolpingwerk“ ein Hotel für Praktikanten und Studenten in Santiago, der Hauptstadt von Chile. In einem Mitteilungsblatt der Organisation schwärmt S. von seiner Arbeit in dem Wohnheim: „Hier begegnen sich Studenten aller Schichten aus verschiedenen Ländern.“ Durch den Kontakt mit Folterern und Opfern der Pinochet-Diktatur „war ich fast täglich mit meinem Spiegelbild als jahrelanger Kinderquäler konfrontiert“, zitiert der „Spiegel“ den früheren Sportlehrer. Das Kolpingwerk ist in 60 Ländern vertreten und hat über 450 000 Mitglieder. Von der Internetseite der Organisation ist das Foto von S. seit Kurzem verschwunden.

Berlins Erzbistumssprecher Stefan Förner stellte am Sonntag fest, dass nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle keine besonderen Kontrollen oder Maßnahmen in Berliner Schulen oder Gemeinden geplant seien. Eine durchgängige Sensibilisierung für Missbrauchsfälle sei in der Jugendarbeit der Gemeinden sowie in der Priesterausbildung gegeben. Im Fall der Gemeinde in Hohenschönhausen habe das gegriffen und der beschuldigte Pfarrer sei sofort von Jugendlichen getrennt worden, sagte Förner. (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben