Canisius-Kolleg : Schulverwaltung fühlt sich nicht zuständig für Canisius-Fälle

Missbrauchs-Opfer fordern klare Standards für Vorgehen bei Missbrauchsverdacht an Institutionen.

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Das alljährliche Aschermittwochsgebet ist eine fester Termin der Jesuiten in Deutschland. Doch in diesem Jahr hat das öffentliche Bußgebet ein besonderes Thema: Die Gläubigen bitten um Vergebung und beten für die Opfer sexueller Gewalt. In der Kirche Maria Regina Martyrum in Tegel versammelten sich dazu gestern am Abend rund 100 Bürger und Geistliche. Sie sangen, zündeten Kerzen an und versanken in stilles Gebet. Unter den Teilnehmern waren auch frühere Schüler des Berliner Canisius-Kollegs.

Das Wort Missbrauch fiel nicht. Es war dennoch allgegenwärtig: „In unserer Mitte wurden Kinder und Jugendliche, die uns anvertraut waren, hundertfach geschlagen, auf den bloßen Körper“, sagte der Jesuitenpater Christian Herwartz. „Vieles kann ich nicht sagen, weil es so eklig ist. Sie mussten durch diese schwere Prüfung durch, um Gruppenführer zu werden“, sagt Herwartz und deutet die Misshandlungen im Freizeitkeller des Canisius-Kollegs in den 70er und 80er Jahren an. Im Kreis der Jesuiten scheint mehr bekannt zu sein, als an diesem Abend ausgesprochen wird.

Erste offizielle Angaben zur Dimension des sexuellen Missbrauchs von Schülern an katholischen Jesuiten-Kollegs will die Berliner Anwältin Ursula Raue heute in einem Zwischenbericht offenlegen. Damit wurde die Anwältin vom Jesuiten-Orden beauftragt. Demnach legten inzwischen mehr als 100 Missbrauchsopfer ihre Fälle – und ihr Schicksal offen.

Auch die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll ist um Aufklärung in den Missbrauchsfällen bemüht. Sie vertritt neun der betroffenen ehemaligen Schüler, die sich unabhängig voneinander bei ihr gemeldet haben. „Das ist erst der Anfang. Die Lawine ist losgetreten, doch die Verhandlungen werden noch länger andauern.“ Zu ihrem strategischen Vorgehen könne sie aus Gründen der Schweigepflicht nichts sagen. Die weiteren Schritte hingen jedoch vom Zwischenbericht ab. Eine Sammelklage wie bei einem Flugzeugabsturz sei nicht möglich, jeder Mandant müsse mit seiner individuellen Geschichte vertreten werden. Doch alle fordern Aufklärung und Entschädigung. „Wenn die Taten strafrechtlich nicht verjährt wären, hätten wir keine Schwierigkeiten bei der Akteneinsicht und die Menschen könnten als Nebenkläger auftreten.“ Der Jesuiten-Orden hat sich allerdings bereits gegen finanzielle Entschädigungen ausgesprochen, wolle aber sonst auf die Wünsche der Opfer eingehen. Vertreter des in München ansässigen Jesuiten-Ordens wollen nicht zur Berliner Pressekonferenz von Raue kommen.

„Ich weiß, was Schweigen heißt. Es schaltet dein Gehirn ab, damit Du das Gefühl in Dir unterdrücken kannst“, sagt Norbert Denef. Denef wurde acht Jahre lang von einem Pfarrer und einem Kirchenangestellten missbraucht. Als erstes bekannt gewordenes Missbrauchsopfer in Deutschland erhielt er von der katholischen Kirche eine Abfindung in Höhe von 25 000 Euro, unter einer Bedingung: Er sollte sich verpflichten, fortan über das Geschehene zu schweigen. Doch Denef kämpfte gegen die Klausel und machte seinen Fall im Jahr 2000 bekannt. Heute setzt er sich für andere Missbrauchsopfer ein.

Zu frühe Verjährung und fehlende Zuständigkeiten seien die Probleme bei Missbrauchsfällen, sagt Denef. Die Kieler Strafrechtlerin Monika Frommel fordert nun klare Standards, wie eine Institution – auch eine Schule – bei einem Missbrauchsverdacht vorzugehen habe. „Bei einem Verfehlen kann sie dann auch leichter als mitverantwortlich belangt werden.“

Die Schulaufsicht werde dann aktiv, wenn sie entsprechende Hinweise von einer Schulleitung, Eltern oder Schülern erhalte und die bezichtigten Akteure im Schuldienst tätig seien, sagt Jens Stiller, Sprecher der Berliner Bildungsverwaltung. Die Senatsverwaltung sei über die Vorfälle aus der Vergangenheit informiert worden, es sei aber kein Fall gemeldet worden, bei dem eine Tat an der Schule in die Gegenwart reiche.

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