Canisius-Kolleg : Späte Aufklärung

Jahrelang wurden Schüler des renommierten katholischen Canisius-Kollegs in Berlin missbraucht. Das war in den 70ern und 80ern, die Straftaten sind verjährt. Doch nun will der Rektor alles wissen.

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Offen für Kritik. Der Betrieb der Schule im Berliner Botschaftsviertel läuft weiter, es ist Halbjahreszeugniszeit. Foto: ReutersX00320

Sie mochten den Pater, der die Schüler duzte und irgendwie locker und modern war, nicht so verknöchert wie die anderen Lehrer. Auch Hartmut Walter (Name geändert), damals ein Teenager, fasste Vertrauen zum dem Mann, der eine Art Ziehvater für ihn wurde – und der das zwischen 1975 und 1977 ausnutzte. Im Keller eines Schulgebäudes.

Wenn er dort hin ging, wusste Walter, was auf ihn zukam. Vorher wurde besiegelt, dass er kommen würde, vielleicht per Handschlag, vielleicht auch schriftlich, das weiß er nicht mehr genau. Irgendwann hatte man Betten in den Raum gestellt, in dem auch Exerzitien statt fanden. Er lag auf einem der Betten. Der Pater saß vor ihm, trug weltliche Kleidung. Der Junge war allein mit ihm, und er glaubte, dass sonst niemand mehr im Gebäude war. Es war nachmittags nach der Schule.

Walter, heute 48 Jahre alt, erzählt von dem Druck, den der Pater ausgeübt habe. Er habe ihn sehr intime Dinge gefragt, auf die er in Beichtgesprächen habe antworten müssen. Außerdem, sagt Walter, habe er vor dem Pater onanieren müssen. „Ich habe mich furchtbar einsam und eklig gefühlt“, sagt Walter.

Nach dem Abitur hatte er weiter Kontakt zu Klassenkameraden. Jeder habe von Gerüchten über Missbrauch gehört, irgendwann wurden die konkret ausgesprochen. 1981 hätten er und sieben ehemalige Mitschüler einen Brief an ihre Schule, das Canisius-Kolleg, und das bischöfliche Ordinariat geschrieben, in dem sie von dem Pater und seinen Taten erzählten. „Es kam nie eine Reaktion“, sagt Walter. Reagiert wird erst jetzt.

Fast 30 Jahre nach Walters Brief hat Pater Klaus Mertes, Leiter des Canisius-Kollegs seit 2000, im Wissen, dass da was war, an 500 ehemalige Schüler geschrieben, sie nach Vorfällen gefragt. Walter hat ihm Donnerstag per Email geantwortet.

Am Freitagvormittag spricht Mertes in einem Klassenzimmer, die Arme verschränkt, in acht Mikrofone, die nebeneinander auf dem Lehrerpult stehen. Offensive Offenheit, Transparenz sollen jetzt helfen. Denn es geht um die Aufklärung von offenbar systematischem sexuellen Missbrauch von Schülern durch Lehrer.

Zwei Täter und sieben Fälle waren am Donnerstag öffentlich geworden, von 15 weiteren Opfern, die sich daraufhin gemeldet hätten, berichtet Mertes im Klassenraum. Man werde alle Fälle aufarbeiten. Man werde mit den Opfern sprechen. Man werde mit den Tätern sprechen. Man werde die Ursachen schonungslos analysieren. So spricht Mertes, und er hat auch keine Scheu, die katholische Kirche kritisch anzugehen. „Die Kirche“, sagt er, „hat ein Angstproblem.“ Homosexualität beispielsweise werde im Klerus verschwiegen.

Das Canisius-Kolleg steht am Rande des Tiergartens im Berliner Diplomatenviertel. Rechts ein Neubau mit dem Haupteingang, so grau wie der Schneematsch auf der Straße, innen nüchtern, viel Beton. Links der aus den 30er Jahren stammende Altbau mit knarrendem Parkett in den Sälen und hohen Fenstern. Im Foyer rufen Schülerplakate zur Haiti-Hilfe auf, es gibt Einladungen zu Vorträgen, doch seit zwei Tagen geht es hier um was anderes. Um die Vergangenheit aus den 70er und 80er Jahren, die die Schule eingeholt hat. Seit zwei Tagen auch fürchtet das Gymnasium um seinen Ruf. Das gute Image sei nur zu wahren, sagt Rektor Mertes, wenn man nun „ehrlich in die Offensive“ gehe. Die Interessen der Opfer seien „der höchste Wert“.

Walter hat den Peiniger von einst noch einmal im Bus gesehen „und inständig gehofft, dass er mich nicht erkennt. Ich habe mich ja auch wie ein Verräter gefühlt“, sagt er. Später habe er therapeutische Angebote in Anspruch genommen, aber über die Jahre sei die Erinnerung immer wieder hoch gekommen. Dass die Missbrauchsfälle nun an die Öffentlichkeit gelangten, lasse ihn hoffen, nun auch für sich mit der Vergangenheit abschließen zu können.

Gleich am Donnerstag hatte Mertes eine Vollversammlung einberufen und die Schüler aufgeklärt und vorbereitet auf das, was da längst vor den Toren los war: auf den Medienrummel. Keiner müsse Fragen beantworten, gab Mertes den 850 Schülern auf den Weg, manche tun es doch, es sind die älteren. Die berichten von gedrückter Stimmung in der Schule, von ihren Sorgen, denn bald machen sie hier Abitur, wollen sich bewerben, was, wenn alle bei Canisius nur an die negativen Schlagzeilen denken?

Autos fahren vor, Kinder steigen aus. Auch Eltern lassen sich auf Gespräche ein. „Offen darüber zu reden, ist die einzig richtige Art, damit umzugehen“, sagt einer, der sich gemüht hat, um seine Kinder am Canisius-Kolleg unterzubringen, eine Privatschule, 70 Euro monatlich. Eine der besten Schulen Berlins, trotz allem. Er sagt, dass die Schule von heute nicht die Schule von damals sei.

Gegründet wurde das Kolleg 1925, Träger ist der Jesuitenorden, eine Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche. Die Nazis schlossen es 1940, fünf Jahre später wurde der Lehrbetrieb wieder aufgenommen, seit 1974 ist die Schule auch für Mädchen geöffnet. Nachdem das Gebäude der Gründungsjahre im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, residiert die Schule auf dem Areal rund um die ehemalige Krupp-Repräsentanz.

Einer, der in den 70er Jahren dort Schüler war, berichtet von einem Religionslehrer, vor dem alle Angst hatten. Ein Sadist sei der gewesen. Stundenlang hätten Schüler als Strafe mit dem Rücken zur Klasse stehen müssen und zugehört, wie der Pater darüber sprach, wie sie auszupeitschen seien. Auch seien mehrere Schüler immer wieder ins Büro jenes Lehrers bestellt worden. Natürlich habe es deshalb Gerüchte gegeben, Andeutungen seien gemacht worden, „so dass man sich dachte: merkwürdig“. An sexuelle Übergriffe, an Missbrauch, habe er als Kind damals nicht gedacht – im Nachhinein tue er das schon.

„Ich wusste natürlich, dass da was auf uns zukommen kann“, sagt Rektor Klaus Mertes, der nach seiner Pressekonferenz im Klassenzimmer zurück gegangen ist in sein Sprechzimmer. Er setzt sich an den Schreibtisch. Sein Büro ist groß mit Parkettboden, Stuck und Gemälden an der Wand. Es ist das erste Mal, dass eine Institution selbst so eine Reihe von Missbrauchsfällen bekannt macht. „Trotzdem war ich auf so viel Andrang nicht vorbereitet.“ Der Rektor wirkt jetzt wie ein Krisenmanager. Er sei auf weitere Fälle gefasst, sagt er und presst den Mund entschlossen zusammen. Dann erläutert er seine künftige Strategie zur Aufarbeitung. Er will sich die Arbeit mit der Berliner Rechtsanwältin und Mediatorin Ursula Raue teilen. Raue ist vom Jesuitenorden 2007 als „Beauftragte für Missbrauchsfälle“ berufen worden. Sie hat Erfahrung, ist seit Jahren im Präsidium der Kinderschutzorganisation „Innocence in danger“. Ursula Raue soll als „unabhängige Institution“ den Kontakt zu den Tätern halten. Klaus Mertes will sich um die Opfer kümmern, alles Männer über 40 Jahre.

Die zwei Täter, von denen man bisher weiß, waren bereits pensioniert, als Mertes 2004 oder 2005 erstmals von den Übergriffen erfuhr. Einer der beiden hat sich inzwischen zu seiner Schuld bekannt. Die Männer sollten sich wenigstens bei den Opfern entschuldigen, verlangt Mertes. „Sie haben etliche Kinder mehrmals über längere Zeit missbraucht, andere nur einmal, passte ein Opfer nicht mehr in ihr Jagdschema, gaben sie es auf.“

Wenn Walter heute mit jenem Pater sprechen würde, der ihn damals peinigte, würde er einen Grund hören wollen. Warum haben Sie das getan? Er sagt: „Das muss selbst ein beschädigter Mann gewesen sein.“ Von Hass will Walter nicht reden. „Ich bin kein Racheengel.“

Und Mertes, warum meldete er die Fälle nicht schon vor fünf Jahren den Ermittlungsbehörden? Lag es am Korpsgeist von Orden und Kirche? Oder war es die Furcht vor Imageschäden? Das fragten ihn jetzt alle, sagt Mertes. Rechtlich, bescheinigt ihm die Staatsanwaltschaft, sei er dazu nicht verpflichtet gewesen. Zumal die Taten schon damals höchstwahrscheinlich verjährt gewesen seien. Die Opfer hätten ihre Geschichte erzählen wollen, aber auch um absolute Diskretion gebeten. Deshalb habe er nur die übergeordneten Ordensstellen informiert und aufgefordert, genau hinzuschauen, „damit die Täter nichts mehr anrichten können“.

Umso entschiedener zitiert er dann in seinem Büro ein Wort aus dem Johannesevangelium: „Die Wahrheit macht frei.“ Und so will nun er der katholischen Kirche und in der Schule unbequeme Fragen stellen. Um die Sprachlosigkeit zwischen dem Klerus und der Jugend soll es dabei gehen, aber auch um die kirchliche Sexualpädagogik.

Gerade wegen dieser Entschlossenheit bekommt Rektor Mertes dieser Tage viel Zuspruch. „Das ist ein guter Mann“, sagt ein Vater, der zwei Töchter auf der Schule hat. „ich habe großes Vertrauen in ihn.“ Dennoch, sagt ein anderer Vater, sei man erst einmal schockiert. Ein Lehrer sagt, dass er zwar dauernd auf die Vorfälle angesprochen werde, dass das Ganze aber für den Schulalltag keine Bedeutung habe. Dass so etwas heute wieder geschehen könne, sei „so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie an jeder anderen privaten oder staatlichen Schule auch.“

Mitarbeit: Ferda Ataman

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