Berlin : Care-Paket für die East Side Gallery

Künstler und Bezirk hoffen auf Hilfe von Anschutz, dem Investor der benachbarten Großarena am Friedrichshainer Spreeufer

Stefan Jacobs

Der Bruderkuss von Breschnew und Honecker sieht unappetitlicher aus als je zuvor. Von Andrej Sacharow ist nur ein angewitterter Schädel geblieben. Und der legendäre Trabi auf seinem Weg durch die Mauer ist gar nicht mehr zu sehen. Dabei könnte er bald wirklich durchfahren, denn die East Side Gallery zerfällt. Seit Jahren debattieren verschiedene Stellen über die Rettung des Denkmals – jetzt zeichnen sich Ergebnisse ab.

Noch im Januar wollen alle Beteiligten in einem Workshop über die Zukunft der von über 100 Künstlern bemalten Mauersegmente beraten: Denkmalschützer, Bezirk, Künstler und die Anschutz Entertainment Group, die auf der anderen Seite der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße eine Großarena bauen will. Dabei soll auch ein Park am Spreeufer entstehen, für dessen Zugang die Mauer an einer oder mehreren Stellen aufgebrochen wird.

Die Präsentation der herausgenommenen Segmente ist ein Thema auf dem Workshop. Kani Alavi, Sprecher der Künstlerinitiative East Side Gallery e.V., kann sich die Bilder im Boden unter Glasplatten eingelassen vorstellen. Möglich wäre auch, sie zu drehen und als „Bildwände“ in den Park zu stellen. Vandalismus fürchtet Alavi nicht: „Wenn es saniert ist und schön aussieht, haben die Leute auch Respekt.“ Als Beweis dienen ihm die nördlichen 333 Meter, die vor knapp drei Jahren mit einer Million Mark vom Verband der Lackindustrie erneuert wurden.

Nach Alavis Überzeugung würden die meisten Künstler jederzeit zum Pinsel greifen, um ihre Werke zu reparieren. Alavi schätzt die Sanierungskosten für den 1000 Meter langen Abschnitt auf 1,5 Millionen Euro. Zurzeit bemüht sich der Künstler um Sponsoren aus der Tourismusbranche. Außerdem hofft Alavi auf den Großinvestor Anschutz. Das Unternehmen hält sich mit Zusagen zurück, doch hinter den Kulissen ist Bewegung: Der Bezirk will dem Bund als Haupteigentümer den Mauerstreifen abkaufen – mit Geld von der Anschutz-Gruppe, wie Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) berichtet. Die vereinbarte Summe ist geheim, aber wenn das Geschäft zustande kommt, „werde ich mich umschauen, wer zumindest für einen weiteren Teil das Sponsoring übernehmen könnte“, verspricht Stadtrat Schulz. Auch erwägen die Beteiligten die Gründung einer Stiftung als langfristige Geldquelle.

Das Land will die weitere Planung nicht bremsen: Manfred Kühne, Leiter der Obersten Denkmalschutzbehörde, sieht keine Probleme im Herauslösen einzelner Mauersegmente. Den Rost von innen hält er für das größte Problem, aber vorläufig sei die Reparatur der Bilder der vernünftigste Weg. Im Sommer soll die Umgestaltung des Areals beginnen – und damit auch die Rettung der East Side Gallery.

Im Ostbahnhof läuft bis Sonntag eine Aktionswoche mit Mal-Aktionen, Musik und Auktionen zu Gunsten der East Side Gallery: Do./Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa./So. 11 bis 16 Uhr.

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