Berlin : Carl Diem: Schüler wollen Diem-Sporthalle umbenennen

Katharina Körting

Er lebte ein Leben im Dienst des Sports: Der 1882 geborene Carl Diem gründnete schon als 17-Jähriger einen Sportverein, rief 1913 als Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) das Deutsche Sportabzeichen ins Leben und konzipierte die 1920 erstmals ausgetragenen Reichsjugendwettkämpfe, die Vorläufer der heutigen Bundesjugendspiele. 1921 war der Sportwissenschaftler Mitbegründer der Deutschen Hochschule für Leibesübungen. Die "Bildung der menschlichen Individualität durch den Sport" war seine zentrale These. Diem organisierte die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Von 1947 bis zu seinem Tod 1962 war er Rektor der von ihm geschaffenen "Deutschen Sporthochschule" in Köln. Der Freizeitläufer gilt vielen Sportlern als Vorbild. Straßen, Hallen, Clubs und Sportpreise sind nach ihm benannt, auch die Carl-Diem-Halle in der Steglitzer Lessingstraße, die von sechs Schulen genutzt wird.

Wie es um die NS-Vergangenheit des Sport-Funktionärs bestellt ist - darüber hat die Berlin-AG der Friedrich-Bayer-Realschule auf einer Veranstaltung am Dienstag Abend infomiert. "Wir beschäftigen uns mit Menschen und Stätten aus der Zeit des Nationalsozialismus", sagt der Geschichtslehrer und AG-Leiter, Erdmann Bedürftig. Es könne nicht sein, dass Schüler, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten, in einer Halle trainierten, dessen Pate eine braune Vergangenheit habe. Denn Diem habe dazu beigetragen, den Sport als "kriegsnützlich" im Sinne der Nazis zu instrumentalisieren. Als Zeitzeuge eingeladen war auch der frühere Chefredakteur des ZDF, Reinhard Appel, der als 17-Jähriger eine Rede Diems auf dem Berliner Reichssportfeld hörte. Im März 1945, als der Krieg längst verloren war und russische Truppen Teile des Sportforums bereits eingenommen hatten, schwor Diem die versammelte Hitlerjugend in einem flammenden Appell auf den Endkampf ein: "Wunderbar ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt." Daraufhin starben 2000 Jugendliche beim Versuch, ihr Sportfeld zurück zu erobern, einen sinnlosen Heldentod. Auch Sätze wie "Sport ist freiwilliges Soldatentum" belegen Diems militaristische Haltung.

Die Deutsche Sporthochschule in Köln begann 1995, auf Distanz zu ihrem Begründer zu gehen. Dessen Rektor Joachim Mester bezeichnete Diems Rede im Olympiastadion als menschenverachtend und durch nichts zu rechtfertigen. Spätestes mit Diem habe der Sport seine Unschuld verloren. Seitdem wird der Sportwissenschaftler mit anderen Augen gesehen. Einige nach ihm benannte Straßen und Hallen sind mittlerweile umbenannt, darunter die Spandauer Heinrich-Böll-Schule. Auf eine Bitte des Deutschen Sportbundes (DSB) wurde deren Name allerdings stillschweigend geändert: Der DSB vergibt die "Carl-Diem-Ehrenplakette". Der DLV hingegen hat angekündigt, den "Carl-Diem-Schild", eine Auszeichnung für ehrenamtliches Engagement, ab 2002 in "DLV-Ehrenschild" umzutaufen.

Die Aufklärung über Diems Vergangenheit ist noch unvollständig. In dem im Jahr 2000 erschienenen Buch von Achim Laude und Wolfgang Bausch "Der Sportführer: Die Legende um Carl Diem" erscheint der NS-Sportfunktionär als brauner Karrierist, der maßgeblichen Anteil an der Gleichschaltung des Sports hatte und bedingungslose Vaterlandsliebe predigte. Nach 1945 sei es Diem wie kaum einem anderen gelungen, alle braunen Spuren in seiner Vita zu verwischen. Nach dem internationalem Erfolg der Olympischen Spiele 1936 erschien Diems dreibändiges Werk "Olympische Flamme", das als wichtiges Zeitdokument nationalsozialistischer Sportpropaganda gilt. Die Berlin-AG der Friedrich-Bayer-Realschule will nicht nur über Carl Diem informieren. Langfristig wollen die Lehrer und Schüler eine Umbenennung ihrer Sporthalle erreichen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar