Berlin : Carla Bercqué, geb. 1912

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Was für eine Frau! Die Studenten, Männlein wie Weiblein, lagen ihr zu Füßen. Wie klug und selbstbewusst sie war! Wie elegant sie aussah! Wie sie roch! "Das ist die große Welt", dachten sie, wenn die Professorin Carla Bercqué den Raum betrat mit rotem Schal, dunklem Kostüm und schwarzer wehender Haartolle quer über der Stirn. Wenn einer ihrer Studenten sie in ihrem Auto sah, dachte er: "Na klar, so eine kann ja gar nicht anders." Seit sie es sich leisten konnte, fuhr Carla Bercqué schnittige Sportwagen.

Sie lehrte Soziologie, Psychologie und Politik an der Berliner Akademie für Werkkunst und Mode, dann an der Hochschule der Künste. Als die Studenten in den späten Sechzigern die Universitäten und ihr Beziehungsleben umkrempelten, wäre keiner auf die Idee gekommen, bei Frau Dr. Bercqué den Mief von tausend Jahren zu vermuten. Sie war hoch angesehen - und im Privatleben viel befreiter als es sich die meisten der jungen Lebensbefreier überhaupt vorstellen konnten. 1971 durften die Studenten der Akademie erstmals ihren Rektor selbst küren. Mit beinahe realsozialistischer Mehrheit wählten sie Carla Bercqué ins Amt.

1912 kam sie zur Welt. Ihr Vater war ein schmucker Lebemann, der jede haben konnte. Die Leute fragten sich, was er nur an Carlas Mutter fand, denn die war eine stille Frau, die am liebsten über Büchern brütete, eine Lehrerin und Nietzscheanerin. Der Vater starb früh, und so wuchs Carla allein bei der Mutter in Charlottenburg auf. Deren enge Kontakte zu den intellektuellen Kreisen machten einen großen Eindruck auf Carla. So lernte sie die beeindruckende Schriftstellerin Lou Andreas-Salome kennen. In den dreißiger Jahren begegnete sie ihrem späteren Mann, Walter Heistermann. Der war damals Philosoph (später wurde er Rektor der Pädagogischen Hochschule). Während des Krieges lebten die Beiden in Berlin, Bukarest und in Paris.

Über diese Zeit hat Carla Bercqué nie besonders viel erzählt. Immerhin dieses: Ihr Mann versuchte ständig, dem Kriegsdienst zu entkommen - deshalb Bukarest und Paris, und in Bukarest ist ihr heißgeliebter Hund, ein eigenwilliger Tibet-Terrier, zugelaufen. Mit dem ist sie auf ihrem Motorrad, das sie sich bald nach dem Krieg kaufte, durch die Gegend gefahren. Das Tier bekam eine Sonnenbrille auf die Nase und saß auf dem Tank, ein Gurt hielt ihn an der Fahrerin fest (Frauchen kann man sie wirklich nicht nennen). Mit ihrer BMW machte sie Anfang der fünfziger Jahre, kurz nachdem sie studiert und promoviert hatte, große Touren durch Europa. Als sie, großartig anzusehen und in kurzen Hosen, durch Süditalien fuhr, staunte sie ein wenig über die erhitzten Italiener, die ihr heftig den Hof machten.

Walter Heistermann staunte etwas häufiger - über seine extravertierte Frau. Wenn sie zum Beispiel mit einer riesigen Hutkrempe auf dem Kopf, ein Ober- bzw. Mittelteil gab es nicht, durch die Stadt lief, um sich begaffen zu lassen. Solcherlei war aber nicht der Grund dafür, dass sich die beiden 1952 trennten. Nach zwölf Jahren Ehe hatten sie sich einfach auseinandergelebt, und nun feierten sie die Scheidung in bestem Einvernehmen mit einem guten Sekt. Carla nahm wieder ihren alten (Hugenotten-) Namen, Bercqué, an und blieb ihrem Ex-Mann in bester Freundschaft verbunden.

Bis sie eine feste Dozentenstelle an der Kunstakademie bekam, schlug sich Carla Bercqué mit Dolmetscherei, Arbeit beim Radio und Lehraufträgen an Volkshochschulen durch. Eine Zeitlang half ihr der Hund, die knappen Einkünfte aufzubessern: In einem Stück an Brechts Berliner Ensemble spielte er eine stumme Nebenrolle, und seine Besitzerin bekam zehn Mark pro Auftritt. Die Theaterkarriere des Terriers musste jedoch abgebrochen werden, da das Tier die Bühne zu sehr mochte - irgendwann kam er auf Zuruf einfach nicht mehr herunter.

Der Ruf an die Akademie für Werkkunst und Mode Mitte der sechziger Jahre war ein großes Glück, aber Carla Bercqué blieb noch über ihre Hochschulkarriere hinaus den Volkshochschulen eng verbunden. Viele ihrer dortigen Schüler wurden zu guten Freunden. Wenn man die Professorin Berqué fragte, warum sie denn keine Fachbücher schreibe, das Zeug dazu habe sie doch allemal, dann sagte sie, sie wolle lieber gut leben, als sich allzu lange über Manuskripte beugen. Mit der zusätzlichen Arbeit in den Volkshochschulen hatte sie auch genug zu tun - 1992 bekam sie dafür ein Bundesverdienstkreuz.

Die letzten zehn Jahre ihres Lebens waren von der furchtbaren Krankheit überschattet. Carla Bercqué hatte Alzheimer. Ihre Lebensgefährtin behielt sie bis zum Tode in der Wohnung - mit kurzen Unterbrechungen lebten die beiden seit 1967 zusammen. Wenn eine Pflegerin die Dame, deren Geist langsam schwand, mal wie eine kleine Blöde behandelte - "Na, Muttchen, was hamwa denn heute wieder?" - dann fuhr ihre Gefährtin aus der Haut. So behandelt man keine Erwachsenen. Und eine Carla Bercqué schon gar nicht.

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