Berlin : Carola Gold (Geb. 1960)

 „Manchmal sahen wir die Schatten unter ihren Augen“

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Carola sitzt mit einem Kollegen nah an den Erkerfenstern ihres mit Ordnern und Papieren angefüllten Büros im vierten Stock des schmalen Hauses in der Friedrichstraße 231 und spricht. Ihre vollen, lockigen Haare werden von einem Band zusammengehalten, ihr Blick ist konzentriert. Sie prüft noch einmal die Gästeliste für den „Kongress Armut und Gesundheit“, geht die Vortragsthemen durch, und als sie ihren Kollegen fragt, ob auch wirklich alle Einladungen abgeschickt wurden, hebt sie für einen Moment den Kopf und schaut hinaus auf das von der Abendsonne beschienene Jüdische Museum und den Besselpark, senkt ihren Blick und sieht einen Mann dort unten, der in einem Mülleimer nach Pfandflaschen sucht. Sie steht auf, zieht eine Akte über Obdachlose aus dem Regal und vertieft sich darin. Es ist sechs Uhr am Abend, seit zehn Stunden ist sie im Büro. Um neun steigt sie auf ihr Fahrrad, löst das Band aus ihren Haaren und fährt nach Hause.

Carola hat immer das Fahrrad genommen, auch wenn die Wege weit waren, sie zu einem Termin bis nach Hellersdorf oder Neukölln musste. Sie konnte sich nur auf ihren Körper konzentrieren, während sie fuhr. Um sich dann wieder, in Hellersdorf oder Neukölln, den Benachteiligten, deutschen oder ausländischen Kindern, Armen, Alten und Verzweifelten zuzuwenden.

Seit 2006 war sie Geschäftsführerin von „Gesundheit Berlin-Brandenburg“, einem Verein, der, nach dem Grundsatz der WHO, physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden für alle, ohne Ausnahme, anstrebt. Wohlbefinden aber hat nichts mit Wellness zu tun, mit Massagen für Manager oder Gesichtsmasken für deren Gattinnen. Es geht darum, die Menschen anzuregen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen gesund zu gestalten, in Kindergärten, Schulen und Betrieben. Es geht auch um die gesundheitlichen Chancen Ausgegrenzter, zum Beispiel im Rahmen eines Dolmetscherprojektes: Eine rumänische Frau ist krank, sie kennt aber weder die Worte für ihre Beschwerden, noch versteht sie die Fragen des Arztes. Ein Übersetzer vermittelt. Oder ein bosnischer Junge sitzt in der hintersten Reihe des Klassenzimmers, und seine Eltern wissen nicht, wie sie dem Lehrer von seinen Sorgen erzählen können. Ein Dolmetscher hilft.

Das bloße Gerede über die Schwachen, deren Zahl im Lauf der Jahre immer größer wurde, ärgerte Carola maßlos. Wer Unterstützung brauchte, sollte sie bekommen, so schnell wie möglich. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie sich vom Sprechen über die Verhältnisse viel erhofft, hatte in den Seminaren an der FU mitgeredet und mitgestritten. Sie wollte die Mechanismen des Kapitalismus verstehen. Aber der kühle Blick von außen genügte ihr nicht. Sie wollte Stellung beziehen, das Nachdenken sollte zu einem Handeln führen. Sie warf das Studium hin.

Schon in der Schule hatte sie Sozialwissenschaften gewählt, war Klassensprecherin, setzte sich später für die Wehrdienstverweigerer und gegen Berufsverbote und Neonazis ein. Sie reiste mit Jugendlichen in Freundschaftslager in der DDR und nach Moskau. Hier, so dachte sie, fand Gerechtigkeit tatsächlich statt. Dann kam die Revolution im Osten, 1989, und die Frage: Hatte sie sich so sehr geirrt? Sie stieg auf ihr Fahrrad und fuhr wochenlang allein durch Europa. Klarheit kehrte zurück in ihren Kopf.

Wieder in Berlin, begann sie erneut zu studieren, Jura jetzt, ein Fach, in dem es immerzu um die Gerechtigkeit geht.

Und sie baute „Gesundheit Berlin-Brandenburg“ auf. Das Arbeitspensum wuchs und mit ihm ihre Kompetenz und Kraft. „Hast du heute Abend Zeit?“, fragte Carola eine Kollegin nach 15 Stunden im Büro. „Eine Zahl auf dem Banner für den Kongress stimmt nicht.“ Sie setzten sich die halbe Nacht vor das riesige Stück Stoff, schnitten eine neue Zahl aus, nähten sie an, und am nächsten Morgen hing die korrekte Ankündigung am Rathaus Schöneberg.

„Manchmal sahen wir die Schatten unter ihren Augen“, sagen ihre Kollegen, „dann verschloss sie sich, wirkte fast kühl. Aber genauso oft brach sie in dieses unbändige Lachen aus. Und sie bemerkte immer, wenn jemand Sorgen hatte. Man erzählte ihr von diesen Sorgen und zunächst reagierte sie nur sachlich darauf. Im Lauf des Tages jedoch zeigte sie immer wieder, in kleinen Gesten, dass sie zugehört hatte.“

Im letzten halben Jahr, als der Krebs nicht mehr aufzuhalten war, gab Carola ihre Distanz fast vollständig auf. Sie telefonierte oft. Sie empfing die Menschen, im Bett liegend. Sie verschenkte alle ihre Haarspangen an die Frauen im Büro. Sie sagte: „Der Tod wird mir als Freund kommen.“ Sie begann, eine Jacke für eine Kollegin zu stricken. Aber die Jacke ist nicht fertig geworden. Tatjana Wulfert

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