Berlin : Casting-Agentur: Graue Sternchen

Christine-Felice Röhrs

So ein Tanztee für Senioren, das ist eine ganz eigene Welt. Dreht sich um sich selbst nach der Melodie von "Buona Sera Signorina". Und schmeckt bittersüß nach "weißt Du noch, früher?". Allzu leicht wäre es, Mitleid zu empfinden. Leben in der Vergangenheit, ach je. Aber man darf sich nicht täuschen. Die, die herkommen, wollen lustig sein und das Leben spüren. Da gibt es Liebeleien und Eifersuchtsdramen am laufenden Band. Eine fidele Gesellschaft. Keine weiß das besser als Margit Miosga, die jeden Sonnabend ab 14 Uhr den Tanztee im Prater in Prenzlauer Berg veranstaltet. Denn auf ihre Tänzer wird Margit Miosga ständig angesprochen: TV-Produzenten und Werber, sagt sie, brauchen nämlich ständigen Nachschub an "fitten Alten". Das hatte Margit Miosga bald satt. Und setzte sich mit ihren Senioren zusammen: Wisst ihr was, wenn alle euch wollen, dann sollen sie auch bezahlen.

Herausgekommen ist die neue Berliner Casting-Agentur "50plus". Senioren, die vor die Kamera wollen, können ab jetzt zum Tanztee in den Prater gehen und sich casten lassen. Vor dem Hintergrund der sich drehenden Paare schießt Margit Miosga Fotos. Das kostet nichts. Die Bilder und Infos über Alter, Konfektionsgröße und Hobbies werden ins Internet gestellt. Dann können sich Produktionsfirmen, die Komparsen oder Models brauchen, hier umschauen. 65 Tänzer haben sich schon ablichten lassen.

Der erste öffentliche Auftritt kam am Sonntagabend, beim Eröffnungsdefilée in der Hecht-Bar des Prater: Die Schauspieler in spe stehen draußen auf dem Balkon, sollen dann die lange Treppe hinunter auf ihr Publikum zugehen. Rosalie Blankenburg ist 60 und als erste an der Reihe. Sie hat sich feingemacht mit Hut, in schwarze Seide gehüllt. Passend zu ihrem Auftritt spielen Jeff und George - sie begleiten auch den Tanztee - "Bye Bye Blackbird". Dann Sonja Kreither, die so gerne singt. Auf der Treppe wiegt sich die 75-Jährige zum Rhythmus von "Sag mir wo die Blumen sind". Ingeborg Krause, 70, dagegen, die schon in einem Expo-Werbespot mitgemacht hat, stellt lieber ihre Modelqualitäten zur Schau: Elegant, mit in die Hüfte gestemmter Hand, schreitet sie die Treppe hinunter - Jeff und George intonieren eine schmelzende Samba. Dann Horst Methner, 76, "der Herzensbrecher". Weiter und weiter geht es mit dem Defilée - manchmal ist Talent zu erkennen.

Manchmal muss man mitlächeln, wenn oben an der Treppe wieder jemand auftaucht, dem das Posieren Spaß macht, manchmal muss man einen Stich von Traurigkeit bekämpfen. Immer dann, wenn durchscheint, was wenigstens ein paar der angehenden Schauspieler zu diesem Abenteuer bewogen hat. Horst Methner sagt es offen: Die Schauspielerei ist ihm egal, auch das Geld. Er will Freunde haben. Die von früher sind schon lange tot. Zum Teil gefallen im Krieg. Oder "verreckt" in fünf Jahren Kriegsgefangenschaft. Im Arbeitsleben - er war Vormund für volljährige Behinderte und Drogenabhängige - war nicht viel Gelegenheit für neue Freundschaften. Auch Martha Müller, mit 84 Jahren die älteste Teilnehmerin, hat nicht mehr viele Freundinnen. Neulich hat sie für Arte in einem 10-Minuten-Film mitgemacht. Da waren sie nett zu ihr. Als Schauspielerin hofft sie, Leute kennenzulernen, die mit ihr "plaudern" oder "in die Natur rausfahren".

Um 22 Uhr ist die Show vorbei. Die Stars des Abends gehen zur Tagesordnung über. Die heißt: Tanz. Die Schauspielerei wartet - vielleicht - in der Zukunft. Aber bis dahin will jede Minute ausgekostet sein. Paare bilden sich. Jeff und George spielen auf. Signorina, kiss me good night.

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