Berlin : Casting für Lehrer

Zwei Minuten pro Bewerber: Schulverwaltung besetzt kurzfristig 139 freie Stellen

Thomas Loy

Lehrer sind Entertainer vor einem meist gelangweilten Publikum. Weil das so ist, werden sie jetzt auch wie Entertainer behandelt. Gegenwärtig läuft in der Senatsschulverwaltung ein Schnell-Casting für Lehrer, die eine neue Stelle suchen. Vor einem Publikum von rund 50 Beamten aus der Schulaufsicht und Schulleitern müssen sie in Gruppen von bis zu zehn Bewerbern auftreten und sich innerhalb von zwei Minuten vorstellen.

„Eine bizarre Sache“, sagt ein Grundschullehrer mittleren Alters, der die Prozedur gerade hinter sich gebracht hat. „Das lächerlichste Bewerbungsgespräch, das ich jemals geführt habe.“

Anke S. aus Hamburg fand ihren Auftritt nicht weiter schlimm. Sie ist Lernbehindertenpädagogin und hat bisher selbstständig gearbeitet. „Da muss ich mich ständig verkaufen.“ Im Schuldienst, so hofft sie, ist dann aber Schluss mit dem Selbstvermarktungsstress.

Das ungewöhnliche Casting ist kein neues Ausleseverfahren, um besonders dynamisches Personal zu gewinnen, sondern offenbar eine Folge ungenauer Berechnungen. Anfang Juli gab Bildungsstaatssekretär Thomas Härtel bekannt, dass die zusätzlichen Lehrerstellen für das kommende Schuljahr von 320 auf 370 aufgestockt würden, um den Bedarf abzudecken. Der ist besonders in den Grundschulen groß, weil das Einschulungsalter auf fünfeinhalb Jahre gesenkt wurde. Insgesamt müssen 13 500 Schüler mehr unterrichtet werden.

„Dass die Schulverwaltung chaotisch arbeitet, kommt für uns nicht überraschend“, sagt Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat. „Aber diese Sache hat selbst unsere Erwartungen übertroffen.“ Der eigentliche Affront sei aber nicht das Casting. „Weil die meisten Schulleiter im Urlaub sind, hat man Leute aus der Schulaufsicht genommen, um die Bewerber zu beurteilen.“ Damit habe die Verwaltung ihre Zusage gebrochen, dass nur die Schulleiter Einstellungen vornehmen würden.

Erst im Mai hatte Schulsenator Klaus Böger (SPD) ein neues Bewerbungsverfahren vorgestellt, in dem die Schulleiter selbst ein genaues Stellenprofil ausarbeiten und dann von der Verwaltung geeignete Bewerber vermittelt bekommen. Mit diesem Prozedere konnten aber nicht alle Stellen besetzt werden.

Gegenwärtig würden Bewerber für 139 Stellen gesucht, so Haase. Nur leider wissen viele nichts von der Chance, weil sie im Urlaub sind. Haase rechnet nun mit Klagen von unberücksichtigten Lehrern.

Für Jens Stiller, Sprecher der Schulverwaltung, beschreibt der Begriff „Casting“ die Situation falsch: „Wir befinden uns im Prozess der ,Nachsteuerung’, um letzte Lücken zu schließen. Eine exakte Zahl können wir erst zum Schuljahresbeginn angeben.“ Wie immer in den Sommerferien werde versucht, Schulleiter oder Stellverter für die Auswahlgespräche zu erreichen. Sind diese im Urlaub, finde die Vertretung durch die Schulaufsicht statt – so wolle es das Gesetz.

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