Berlin : CDU ganz unten – und auf der Suche

Berliner Union denkt nach dem Absturz auf 22 Prozent über Konsequenzen und Konzepte nach

Werner van Bebber

Groß ist die Depression der Berliner CDU nach dieser Wahl. Doch die düstere Stimmung hat dieses Mal nichts Selbstzerstörerisches. Was bedeutet: Die Berliner CDU, die mit dem Wahlsonntag zur 22-Prozent-Partei geworden ist, sieht die Ursachen für ihr Horror-Ergebnis nicht bei den eigenen Vormännern.

Das Gefühl der Niederlage, darin ist man sich am Tag nach dem Desaster einig, soll sich nicht gegen die wenden, die in der Berliner CDU die Verantwortung tragen – Landeschef Ingo Schmitt, Wahlkampf-Manager Frank Henkel oder Fraktionschef Nicolas Zimmer. Keiner von denen, die in der Partei etwas zu sagen haben, verlangte am Montag nach dem schwarzen Sonntag personelle Konsequenzen.

Im Gesamtergebnis abgestürzt, zudem mit bekannten Gesichtern wie Diepgen, Steffel und Nooke als Direktkandidaten gescheitert – nun geht es an die Ursachenforschung. Sogar einer wie Ex-Parteichef Christoph Stölzl, der mit der Partei nicht nur angenehme Erfahrungen gemacht hat, sagte gestern: „Am Wahlkampf lag das nicht.“ Sprich: Es sind die üblichen Berliner Schwächen – schwache Wirtschaft, stilles Bürgertum –, die die Union darben lassen.

Sicher, einzelne hatten im Wahlkampf den Eindruck, die Union sei längst nicht mehr so kampagnefähig, wie sie mal war. Es habe eine große Berliner Linie im Wahlkampf gefehlt. Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender und gescheiterter Direktkandidat von Neukölln, meinte am Rande der Sitzung des Landesvorstands, die Berliner CDU sei eben nicht „mit eigenem großstädtischen Profil“ in Erscheinung getreten. Womit er wohl meinte: Die Berliner CDU war nicht links genug. Dass Diepgen die ganze Linie der Kanzlerkandidatin Angela Merkel für Kleine-Leute-feindlich hielt, hatte er schon zu Beginn des Wahlkampfs gesagt. Doch sind die Berliner im Konrad-Adenauer-Haus nicht für geniale Konzepte und strategische Weitsicht bekannt. Dass sich Schmitt und Henkel mit eigenen Linien zurückhielten, war wohl eher klug.

Doch dürfte sich die Ursachenforschung nun doch in die Richtung bewegen, die Diepgen angedeutet hatte. Stephan Tromp, Kreischef von Mitte, formulierte mit Blick auf die 30-Prozent-Ergebnisse der Linken in den Innenstadtbezirken spitz: Womöglich sei ja Berlin eine Stadt, in der man nicht akzeptiere, „dass es auch ökonomische Notwendigkeiten gibt“. Selbst wenn die These von Wahlkampftristesse gefärbt ist und nicht für alle Bezirke gilt, stellt sich die Frage, wie die CDU 2006 einerseits ehrlich, andererseits nicht zu unterkühlt und marktradikal daherkommen soll.

Die ökonomische Situation der Stadt, in der sich zumal die Ärmeren offenbar vor der Union gefürchtet haben, werde sich noch verschärfen, erwartet Tromp: „Wie geht man damit um, dass immer weniger in einer Gesellschaft erwerbstätig sind?“ Noch hat keiner in der Partei eine Idee, wie das CDU-Profil in einer strukturell linken Stadt aussehen könnte. Aber eine paritätisch aus Westlern und Ostlern besetzte Kommission soll Erkenntnisse liefern, wie Generalsekretär Henkel am Abend sagte. Die Kommission wird sich wohl besonders mit der Frage befassen, ob die Ost-Berliner bestimmte Themen anders bewerten als die West-Berliner – das „Soziale“, die Frage, wer welche Ansprüche geltend machen darf, was im Westen und im Osten als „sozial gerecht“ gilt.

Und noch eine kleine Kommission wurde berufen: Bestehend aus Schmitt, Henkel, Zimmer und dem Chef der Südwest-CDU Michael Braun soll sie sich der Headhunterei widmen – der stillen, abgestimmten, effektiven Suche nach einem Spitzenkandidaten. Zwar gewichten nicht alle Vorstände die Kandidatenfrage gleich schwer. Aber einig ist man sich darin, dass die Berliner CDU gegen Klaus Wowereit mit jemanden von außen antreten muss. Der wäre zu finden, nach seinen Vorstellungen zu fragen und mit ein paar originellen landespolitischen Ideen zu versehen. Viel Arbeit für ein Jahr.

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