Berlin : CDU-Landeschef Diepgen hat Ausflüge in die Bundespolitik stets vermieden

Ulrich Zawatka-Gerlach

Eberhard Diepgen ist die Nummer eins in der CDU. In der Berliner CDU - und dabei wird es auch bleiben. Der 58-jährige Kommunal- und Landespolitiker, seit fast 40 Jahren Unionsmitglied, seit fast 30 Jahren Berliner Abgeordneter, seit fast 20 Jahren an der Spitze des CDU-Landesverbandes und längst dienstältester Ministerpräsident, hat risikoreiche Ausflüge in die Bundespolitik stets vermieden. 1980 erwog Diepgen, für den Deutschen Bundestag zu kandidieren, blieb dann aber doch: Er entschied sich dafür, Richard von Weizsäcker in den Sattel zu helfen, der 1981 Regierender Bürgermeister in Berlin wurde.

Im CDU-Bundesvorstand ist Diepgen zwar eine bekannte Größe, weil er dem Führungsgremium der Partei seit 1983 angehört, aber höhere Weihen erfuhr er dort nicht. Niemals kam jemand ernsthaft auf die Idee, ihn für den CDU-Bundesvorsitz oder auch nur als Partei-Vize vorzuschlagen. Niemals verstieg sich Diepgen dazu, solche Ämter anzustreben. Von Boulevard-Zeitungen in Berlin wurde der "Mann aus Berlin-Wedding" vor geraumer Zeit als Kanzler-Kandidat der CDU ins Gespräch gebracht. Aber das waren Meldungen, die den Tag nicht überlebten. Diepgen hat sich - wohl auch innerlich - so fest an Berlin gebunden, dass er 1995/96, als die später gescheiterte Länderfusion mit Brandenburg vorbereitet wurde, nicht einmal Ministerpräsident des gemeinsamen Landes werden wollte. Ihm schwebte damals vor, so wurde unwidersprochen kolportiert, seine Politiker-Laufbahn als Oberbürgermeister der kreisfreien Stadt Berlin zu beenden.

Trotz dieser freiwilligen Selbstbeschränkung musste sich Diepgen mehrfach dagegen wehren, von bundespolitisch profilierten Parteifreunden landespolitisch entmachtet zu werden. Klaus Töpfer und Rupert Scholz, Hanna-Renate Laurien und Jörg Schönbohm hätte es in den achtziger und neunziger Jahren gereizt, die Nachfolge Diepgens - entweder im Partei- oder Regierungsamt - anzutreten. In Berlin aber blieb er jedesmal Sieger, und auf einem CDU-Landesparteitag im Februar 1996 machte ihm der ehemalige CDU-Generalsekretär und Kohl-Vertraute Peter Hintze ein schönes Kompliment: Diepgen sei "einer der national und international anerkanntesten Politiker". Und in regelmäßigen Emnid-Meinungsumfragen über Politiker, die "in der Bundespolitik eine wichtige Rolle spielen sollten", rückte der Berliner CDU-Mann Treppchen um Treppchen vor. Jetzt landete er sogar auf Platz eins der Rangliste.

Dies nährte, zumal in schwierigen Zeiten, Spekulationen über die politische Zukunft Diepgens. Einzelne Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete fühlten sich sogar ermuntert, den CDU-Landeschef als neuen Parteivorsitzenden vorzuschlagen. Aber das ist kein Thema. So wie es für die "jungen Wilden" und andere Reformer in der Bundes-CDU nach der verlorenen Bundestagswahl kein Thema war, Diepgen in den engsten Zirkel der Macht aufzunehmen. Er gilt parteiintern als "linientreu", nicht als Erneuerer. Mit einem guten Stimmergebnis wurde er im November 1998 als Bundesvorstandsmitglied bestätigt. An der Krisen-Klausurtagung der CDU-Spitze in Norderstedt vor zwei Wochen nahm Diepgen nicht teil. Gestern verließ er vorzeitig eine der wichtigsten Vorstandssitzungen der CDU-Geschichte - um in die Sitzung der Abgeordnetenhausfraktion zu eilen. Die gestrigen Beschlüsse des Bundesvorstands seien richtig. "Ich trage sie mit." Mehr wollte Diepgen aber auch gestern nicht sagen.

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