Berlin : CDU-Landesparteitag: Zur Sonne, zur Freiheit

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es läuft wie am Schnürchen. Nach zweieinhalb Stunden ist der CDU-Landesvorstand komplett neu gewählt. "Eine rekordverdächtige Leistung", freut sich Tagungspräsident Rüdiger Jakesch, und die Delegierten des Landesparteitags freuen sich auch. Viele haben eine Eintrittskarte für das Olympiastadion, wo Hertha BSC gegen Bayer 04 Leverkusen spielt. Der CDU-Fraktionsgeschäftsführer Nikolas Zimmer schaut sehnsüchtig aus dem Fenster: "Ich will heute noch die Sonne sehen."

Also fliegen in den Tegeler Seeterassen, die als Tagungsort dienen, den Vorstandskandidaten die Delegiertenstimmen im Eiltempo zu. Draußen, wo leicht bekleidete Menschen am Ufer flanieren und Segelboote über das seidig schimmernde Wasser gleiten, weisen nur ein paar Polizisten und ein rot-weißer CDU-Sonnenschirm vor dem Eingang des Restaurants auf den Ernst der Lage hin. Die Berliner Christdemokraten, von miesen Meinungsumfragen gebeutelt, beenden zügig noch die Ära Landowsky und wenden sich neuen Ufern zu.

Nur 70,9 Prozent der CDU-Delegierten sind damit einverstanden, dass der scheidende Fraktionschef neuer Vize-Landesvorsitzender werden will. Klaus Landowsky nimmt die Wahl an und versteckt sich anschließend auf seinem Platz am Präsidiumstisch hinter der Zeitung. Die Parteifreunde zucken die Schultern. "Naja, so doll war das Ergebnis nicht", sagt CDU-Fraktionsgeschäftsführer Alexander Kaczmarek. "Ein ganz ordentliches Ergebnis", meint gutmütig der CDU-Rechtsexperte Andreas Gram. "Die 100 Gegenstimmen überraschen mich nicht", bekennt Finanzsenator Peter Kurth. Er hat ausgesprochen gute Laune.

Ein anderes, noch viel knapperes Wahlergebnis löst auf dem CDU-Parteitag Freude und Anerkennung aus. Stefan Schlede, der seit Februar 2000 als profilierter Schulpolitiker in der Parteiführung sitzt, wurde vom eigenen Kreisverband Zehlendorf-Steglitz ausmanövriert. Der weithin unbekannte Bezirkspolitiker Christian Goiny sollte ihn als stellvertretenden CDU-Landeschef ersetzen. Ermuntert durch andere Kreisverbände, die den Bildungsexperten schätzen, hat sich Schlede über Nacht zur Gegenkandidatur entschlossen. Und er gewinnt die Kampfabstimmung knapp. "Wie Kai aus der Kiste", lacht er anschließend. Hildigund Neubert hingegen hat Pech. Die muntere Frau aus der DDR-Bürgerbewegung saß ebenso wie die ehemalige Stadträtin der Grünen, Ines Saager, in der CDU-Parteiführung. Ihr missglückter Versuch, mit einem Positionspapier das Verhältnis zwischen CDU und PDS neu zu definieren, erhöht die Wahlchancen nicht. Neubert unterliegt gegen die 23-jährige Astrid Jantz, Bundesvorstandsmitglied der Jungen Union.

"Jetzt haben wir ein neues Team, jetzt muss Schluss sein mit der Personalpolitik", sagt ein Delegierter auf den Fluren des Tagungsorts, als die letzten Wahlgänge ausgezählt werden. Die CDU-Abgeordnetenhausfraktion hat sich auch schon überlegt, wo Klaus Landowsky ab der nächsten Parlamentssitzung platziert wird: In der zweiten Reihe, aber nicht hinter dem künftigen CDU-Fraktionschef Frank Steffel. Landowsky soll ihm nicht im Nacken sitzen.

Der unangefochtene CDU-Landesvorsitzende Eberhard Diepgen ist sehr vergnügt. Ein Eis am Stiel lutschend, schlendert er ans Rednerpult und bittet den Parteitag herzlich darum, bei der Wahl der Bundesparteitagsdelegierten wenigstens im zweiten Wahlgang das Frauenquorum zu beachten. "Das gehört zur Modernität unserer Partei." Es sei ein guter Parteitag gewesen, schließt Diepgen die Tagung. Man singt, wie immer, die Nationalhymne, und der künftige CDU-Fraktionschef Steffel überlegt, ob er in Stolpe noch rasch eine Runde Golf spielen soll.

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