• CDU sucht neue Wähler: Frauen, Migranten, Ostberliner Basis diskutiert über Fehler des Wahlkampfs – er sei zu kalt, zu herzlos gewesen

Berlin : CDU sucht neue Wähler: Frauen, Migranten, Ostberliner Basis diskutiert über Fehler des Wahlkampfs – er sei zu kalt, zu herzlos gewesen

Für die Kampagne zur Abgeordnetenhauswahl 2006 werden Ideen gesammelt

Werner van Bebber

Der Import eines Kandidaten dauert. Der Import von Ideen soll schneller gehen. Deshalb reist die CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses an diesem Wochenende zu den erfolgreichen Hamburger Parteifreunden. Denn das ist eine der Überzeugungen des Landesvorstands: Die Berliner CDU hat am 18. September das so desasterhaft schlechte Ergebnis von 22 Prozent geholt, weil sie wichtige großstädtische Bevölkerungsgruppen nicht erreichte, Alleinerziehende und Migranten zum Beispiel. In Hamburg wollen die Berliner CDU-Abgeordneten mit dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust, der Familien- und Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram und anderen Christdemokraten über „Unionspolitik für Metropolen“ diskutieren. Sonst könnte sich das September-Desaster wiederholen – im September 2006, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus.

Eine Linksdrift ist angesagt. Jemand wie Frank Steffel hat damit kein Problem. Der Reinickendorfer Kreischef redet aber nicht von links oder rechts, sondern von einem Wahlkampf, der den Leuten Angst gemacht habe, und von Politik mit Herz, die nötig sei. Den Parteifreunden im Nachbarkreisverband Pankow hielt Steffel am Donnerstagabend einen derart schwungvollen Vortrag zur Lage, dass mancher in ihm schon wieder den Retter aus dem tiefen Tal der Hoffnungslosen sehen wollte.

Das kommt für Steffel nicht in Frage. Mineralwassergekühlt, im dunkelblauen Anzug, erzählt er von seinen Erfahrungen als Reinickendorfer Direktkandidat: Wie ihn ganz kurz vor der Wahl die Leute gefragt hätten, ob sie auch für ihre kleinen Kinder die geplante „Kopfprämie“ – Steffel spuckte das Wort fast aus – zahlen müssten. Wie er vor ein paar hundert Schülern in jenem Moment nichts mehr gewinnen konnte, in dem das Thema Atomkraft aufkam. Und wie ihm das besser gestellte Reinickendorf zu verstehen gegeben habe, dass man in Angela Merkel nicht unbedingt die Frau an der Spitze der neuen Bundesregierung sehe. „Da fehlte Herz, da fehlte Leidenschaft“, donnerte Steffel, und an die 30 Pankower Parteifreunde nickten dazu.

Junge Leute, Frauen, Ostdeutsche – das sind nicht nur für Steffel die Wähler die man erreichen muss, um konkurrenzfähig zu werden. Eine Woche vorher hat Karl-Georg Wellmann in Kreuzberg mit anderen Worten dasselbe gesagt. Wellmann hat das einzige Direktmandat der Berliner CDU geholt, in Steglitz-Zehlendorf. Sein Kreuzberger Parteifreund Kurt Wansner holte mit seinem Kreisverband gute elf Prozent. Und nun? Wellmann rät den 27 Kreuzberger Parteifreunden zu mehr Offenheit. Alleinerziehende, sagt Wellmann, seien, um arbeiten zu können, auf möglichst lange Betreuungszeiten für ihre Kinder angewiesen. Von wegen Familie, Küche, Herd – Wellmann empfiehlt, „dass wir sie so akzeptieren, wie sie sind“.

Bei so viel neuer Offenheit erscheint die Jamaika-Koalition in Berlin denkbar – wenn man sie, wie Wellmann sagt, „über die Bundesebene anschiebt“. Sprich: Wenn man einen Kandidaten hat, der dafür steht – und Parteifreunde, die mit Alleinerziehenden und Migranten so gerne diskutieren wie mit Berliner Polizisten. Das ist noch nicht bei allen angekommen. Nur ein einziges Mitglied der CDU von Charlottenburg-Nord fand sich am Mittwoch zur Bürgersprechstunde in einer Kneipe mit den Namen „Unser Eckchen“. Während Wirtin Moni die Gäste mit frischem Pils und kleinem Feigling versorgte, brummte der Mann in seinen grauen Bart, durch Abwesenheit komme man jedenfalls nicht an die Leute ran. Eingeladen hatte der Abgeordnete Uwe Goetze. Aber er selbst kam nicht. Er habe die Fraktion beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr vertreten, sagte er.

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