• CDU und SPD streiten sich darüber, was mit dem Gelände nach der Schließung des Airports passieren soll

Berlin : CDU und SPD streiten sich darüber, was mit dem Gelände nach der Schließung des Airports passieren soll

Ralf Schönball

Manche Pleite hat auch ihre Vorzüge. So sind die Pannen bei der Ausschreibung des Internationalen Großflughafens Berlin Schönefeld dem Christdemokraten Alexander Kaczmarek ein willkommener Anlass, öffentlich über eine Aufgabenteilung zwischen dem bestehenden Flughafen Tempelhof und dem Luftdrehkreuz Schönefeld nachzudenken. Schimpf und Schande erntete er dafür vom Koalitionspartner, zumal dessen oberster Planer Hans Stimmann (SPD) durch Experten-Kolloquien die Schließung von Tempelhof und seine Nachnutzung durch ein Technologie-Entertainment-Park mit angeschlossenem Stadtgarten besiegelt sah. Und da der Staatssekretär für Stadtentwicklung und Umweltschutz bei Angriffen auf seine Arbeit oder Person kein Freund leiser Töne ist, legte er Feuer an die Lunte bei der von immo-ebs veranstalteten Diskussion mit Immobilienprofis über die Zukunft von Tempelhof.

"So unverantwortlich wie sie über Schönefeld reden, das zeigt doch, dass sie ein in Wolle gewaschener und sitzen gebliebener Westberliner sind", richtete Hans Stimmann das Wort an den Diskutanten Alexander Kaczmarek. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU hatte zuvor die mühsame Anfahrt nach Schönefeld als Erklärung dafür angeführt, dass Tegel bei Fluggesellschaften und Reisenden höher im Kurs steht. Auch hatte er den Beschluss der Flughafen-Gesellschafter Bundesrepublik Deutschland, Brandenburg und Berlin in Frage gestellt, bei Eröffnung des Großflughafens Schönefeld die anderen Airports in der Region zu schließen - also auch Tempelhof.

Diese Vereinbarung ist für den CDU-Politiker obsolet, seitdem Brandenburgs Oberlandesgericht in der Ausschreibung des Großflughafens Verfahrensfehler entdeckte. Immer mehr Stimmen forderten seither ein neue Ausschreibung des Projektes. Dann sei auch die Schließung von Tempelhof noch einmal zu hinterfragen. "Außerdem muss es erlaubt sein, getroffene Entscheidungen im Licht neuer Erkenntnisse zu überdenken", so Kaczmarek. Die CDU habe zwar 1994 bei der Planung des ersten völlständig privat finanzierten Großflughafens dem Druck der Investoren nachgegeben und ihnen zugestanden, alle anderen Airports zu schließen. Heute könne aber von einer hunderprozentigen Privatfinanzierung nicht mehr die Rede sein. Denn die Investoren forderten eine Flughafengebühr von 18 DM pro Passagier sowie einen Erwerb des Baugrunds durch Bund und Länder: "Das kostet uns eine erkleckliche Summen", so Kaczmarek.

Deshalb schlägt der CDU-Politiker eine Aufgabenteilung von Tempelhof und Schönefeld vor. Am Drehkreuz im Süden des Landes will Kaczmarek nicht rütteln, wohl aber am Beschluss, den City-Airport Tempelhof zu schließen. Denn dies sei anachronistisch, wie ein Blick nach London zeige: Dort habe die Stadt erst jüngst einen Tempelhof vergleichbaren, stadtnahen Flughafen eröffnet für Privatmaschinen und Geschäftsreisende. Auch verfüge keine andere Stadt Europas über einen derart zentral gelegenen Flughafen wie Tempelhof. Diesen Standortvorteil gelte es zur Schaffung neuer Arbeitsplätze zu nutzen. Unternehmenssitz mit Rollfeldanschluss ist Kaczmareks Vision. Und der CDU-Politiker will bereits von einem Unternehmen für Biotechnologie wissen, das sich bei einem derartigen Angebot in Tempelhof niederlassen würde.

Wer aber war Punktsieger des Wortgefechtes unter den Zuhörern im Kreis der immo-ebs? Der konservative Diskutanten konnte die Vielflieger im Publikum für sich gewinnen, zumal sie innerdeutsche Strecken gerne von Tempelhof aus fliegen. Hans Stimmann dagegen stellte ihnen die besseren Geschäfte in Aussicht: Die Pläne des Staatssekretärs für Tempelhof sehen am Rand des Gebietes den Neubau von Stadtvillen und die Errichtung eines Gewerbeareals sowie eines Technikparks vor. Mit den Wohnungen will Stimman unter anderem auf den Exodus von jährlich 30 000 Berlinern aus der Stadt reagieren. Ob diese Menschen aber in drei- bis viergeschossige Häuser nahe Neukölln einziehen würden, das mochten nicht alle Immobilienprofis glauben: Diese Nachfrage ziele eher auf Wohneigenheim im Grünen, glauben sie. Auch das Konzept eines großen Parks stieß auf Skepsis. Die oft verschmutzte und wiederholt durch Polizeimeldungen über Verbrechen ins Schlaglicht geratene Hasenheide sei ein abschreckendes Beispiel.

Wie auch immer das Tauziehen endet, die "klimatologische Funktion" des innerstädtischen Areals wollen alle erhalten. Luftbilder, die Staatssekretär Stimmann mitgebracht hatte, wiesen in dunkelblauen Farben die kühlende Wirkung des Areals im sommerlich aufgeheizten "steinernen Berlin". Ursache dieser wohltuenden Luftschneise sind die Rollfelder aus Beton. Sie speichern die Sonne, geben ihre Wärme an die umgebende Luft ab, und wenn diese nach oben abzieht, strömt kühlere Luft vom Grün neben den Betonpisten nach. So entsteht ein Luftkreislauf auf dem 356 Hektar großen Gebiet, und der verbessert das Klima der umgebenden Bezirke spürbar. Nur bei einer vollständigen Bebauung des Areals oder einem ersatzlosen Abriss der Rollfelder wäre die wohltuende Wirkung dahin. Doch dafür sprach sich an diesem Abend niemand aus.

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