Berlin : CDU vermisst den emotionalen Zugang zur Mauer

Geschichtspolitiker halten das Gedenkstätten-Konzept des Kultursenators nur für begrenzt tauglich Spitzenkandidat Pflüger plädiert mit Flierl für den Ausbau der Erinnerungsstätte an der Bernauer Straße

Werner van Bebber

Die Gefühle für die Opfer der Mauer haben in Berlin keinen Ort. Es gibt Mauerrelikte, Museen, Gedenkstätten. Doch es fehlt ein Denkmal, das an die Todesgrenze mitten in der Stadt erinnert: So ungefähr lässt sich die Meinung derer zusammenfassen, die sich in der Berliner CDU mit dem Mauergedenken und der Geschichtspolitik befassen. Die CDU-Geschichtspolitiker haben am gestrigen Dienstag mit ihrem Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger und einigen Fachleuten die Pläne des Senats und eigene Vorschläge diskutiert. Pflüger war danach in einem Punkt der Meinung von Kultursenator Thomas Flierl (PDS): Die Mauergedenkstätte Bernauer Straße soll „als zentraler Gedenkort“ aufgewertet und ausgebaut werden.

Davon abgesehen, ließen die CDU-Politiker und zwei der vier Fachleute nicht viel Gutes am Konzept des Senators. Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, erinnerte an den großen Zuspruch des Mahnmals mit den tausend Kreuzen am Checkpoint Charlie. In Flierls Konzept fehle ein Ort, der an das tödliche Grenzregime erinnere, und zwar „so leicht verständlich“, dass er einem Millionenpublikum gerecht werde.

Darin steckt die Erkenntnis, dass viele Berlin-Besucher in der Stadt die Spuren des 20. Jahrhunderts suchen. Flierls Konzept biete, was die Mauer angeht, nur „Verharmlosung“ und „Irreführung“, sagte Knabe. Das zeige sich gerade an dem Vorschlag, die Gedenkstätte in der Bernauer Straße ins Zentrum des Mauerkonzepts zu stellen. Sie habe bis jetzt nicht funktioniert, weil sich dort „die Tödlichkeit“ des Grenzregimes nicht erschließe, sagte Knabe, und die geplante Erweiterung werde die Probleme nicht lösen.

Was Christiane Lauer von der Mauergedenkstätte natürlich nicht akzeptieren konnte. Nicht allein die 56 000 Besucher (bis April) zeigten, dass die Leute die Gedenkstätte angenommen hätten, sagte sie. Man werde bei der geplanten Erweiterung auch den gewünschten emotionalen Zugang schaffen: So soll ein „begehbares Totenbuch“ mit den Lebensläufen der an der Grenze Erschossenen die Art von Erinnerung möglich machen, die das Mahnmal am Checkpoint Charlie geschaffen hatte.

Das Mahnmal mit den Kreuzen war, das zeigte sich wieder, eine Provokation für die Politik. Andere Provokationen müssen folgen, geht es nach Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED- Staat an der Freien Universität. Er fühle sich derzeit an 1962 erinnert. Damals hätten junge Leute, die nach der NS-Zeit gefragt hätten, zu hören bekommen, sie sollten nicht alles glauben, was über Nazi-Gräuel erzählt werde: Unter den Nazis habe es keine Arbeitslosigkeit gegeben, und die Kraft-durch-Freude-Ferien seien schön gewesen. „Immer frecher“ erinnerten heute andere an ähnliche Errungenschaften der DDR, sagte Staadt. Sein Kommentar zur Flierls Konzept gleicht einer Mängelliste: Zum Mauergedenken gehöre Erinnerung an den Nachkriegs- Terror der Sowjets, Erinnerung an verschleppte, in Moskau erschossene West-Berliner, Erinnerung an die Funktion West-Berlins im Kalten Krieg, Erinnerung an die Fluchtwellen aus der DDR. Für all das stehe Berlin – und doch drohe alles der Geschichtspolitik aus dem Blick zu geraten.

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