Berlin : Cesarino Taccioli war Zwangsarbeiter bei Siemens und der Brauerei Engelhardt

Aufgeschrieben von A. Burchard

Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt. Viele Gesprächspartner hat uns die Zeitzeugenbörse (Tel.: 44 04 63 78) vermittelt.



In Berlin hatte ich die Nummer 58 114. Ich war der "Italienische Militärinternierte" Nummer 58 114. Gefangen genommen wurde ich im September 1943 kurz nach der Entmachtung Mussolinis. Da war ich 21 Jahre alt und Soldat in der italienischen Armee. Am 23. April 1945 wurde ich von den Russen aus einem Zwangsarbeiterlager in Pankow befreit. Im Oktober 1999, also nach 54 Jahren, bin ich zum ersten Mal wieder nach Berlin gekommen. Es ist nicht so, dass ich nicht früher kommen wollte. Es hat sich nur nicht ergeben.

Das erste Lager war in Kreuzberg: 25 mit Stacheldraht umzäunte Holzbaracken nahe der alten Kaserne in der Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm). Wir waren 30 Mann in einer Baracke. Im Morgengrauen wurden wir geweckt. Nach dem "Appell" mussten wir zu Fuß zu unseren Arbeitsstellen marschieren. Morgens bekamen wir nichts zu essen. Die tägliche Ration - ein Liter Suppe mit Mohrrüben oder Kohl, 250 Gramm Schwarzbrot, 25 Gramm Margarine oder ein Löffel Marmelade - wurde abends nach der Arbeit ausgeteilt. Das war das ganze Essen für 24 Stunden. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit oder an unseren Einsatzorten irgendetwas Essbares fanden, haben wir es gleich eingesteckt. Einer meiner Freunde im Lager fand einmal eine sehr große Mohrrübe. Sie war armdick, und er gab mir die Hälfte ab. Ich wollte sie für den nächsten Tag aufsparen und versteckte sie für die Nacht am Körper, unter der Kleidung. Es wurde eine schreckliche, beinahe schaflose Nacht. Wenn ich kurz einschlief, träumte ich, die Mohrrübe würde mir geklaut. Nach ein paar Stunden sagte ich mir: Jetzt esse ich sie! Dann konnte ich endlich schlafen.

Zur Arbeit wurden wir mal hier, mal dort eingesetzt. Bei Siemens haben wir Trümmer geräumt. Nach Luftangriffen mussten wir mit Schaufeln die Wege freimachen. Am schlimmsten war es im Winter. Wir froren, vor allem an den Händen, und wir hatten immer Hunger. In den letzten Kriegsmonaten waren wir länger bei der Brauerei Engelhardt in Alt-Stralau beschäftigt. Wir haben dort Flaschen gewaschen und dem Werkstischler geholfen, die bei den Bombenangriffen zerstörten Fenster mit Holzlatten zu vernageln. Nach einem Angriff mussten wir Trümmer wegräumen. Ich war furchtbar erschöpft und bin auf eine Schaufel gestützt eingeschlafen. Ein Ingenieur "erwischte" mich und trat mir in den Hintern, so dass ich auf die Trümmer flog. Ein paar Tage später vernagelte ich mit einem anderen Häftling im dritten Stock wieder zersprungene Fenster. Uns fiel ein Hammer herunter auf den Hof - direkt vor die Füße des Ingenieurs, der mich getreten hatte. Der kam sofort die Treppe hochgerannt. Er schrie, das hätte ich mit Absicht gemacht. Er schimpfte, schubste und trat uns. Der Tischler, dem wir zugeteilt waren, ein älterer Deutscher, verteidigte uns und beruhigte den Ingenieur.

Der Direktor einer anderen Fabrik, dessen Mobiliar wir retten sollten, schenkte mir und einem Kollegen je fünf Zigaretten, nachdem wir einen Teil der Möbel in den Keller geschleppt hatten. Abends in der Baracke rauchten wir eine. Ein deutscher Offizier sah, dass es eine deutsche Marke war und konfiszierte alle Zigaretten. Er dachte, wir hätten sie geklaut. Am nächsten Tag fragte der Direktor, wie uns die Zigaretten geschmeckt hätten. Wir sagten, "alle konfisziert". Er rief: "Junge, Junge, diese Italiener" und gab uns wieder je fünf. "Aber lasst Euch nicht wieder erwischen." So viel Deutsch verstanden wir nun schon.

Ich habe immer akzeptiert, dass ich Kriegsgefangener war. Angst hatte ich nur vor den Bombenangriffen. Der schlimmste erwischte uns an dem Tag, an dem wir zum ersten Mal zum Desinfizieren unserer völlig verdreckten und verlausten Kleidung und zum Duschen geschickt worden waren. Es war der 22. März 1944. Mit 30 Mann standen wir gerade nackt unter der Dusche, als der Bombenalarm losging. Unsere Sachen waren im Desinfektionsofen, wir mussten nackt in den Keller. Eine Bombe fiel auf das Gebäude dieser öffentlichen Badeanstalt. Wir wurden sozusagen verschüttet. Die Kellerdecke hielt zwar, aber die Wasserleitungen waren beschädigt. Wir standen bis zu den Hüften im eiskalten Wasser. Erst nach zwei Stunden, nach einem zweiten Angriff, kamen wir raus. Die Deutschen sagten, dass bei diesen Angriffen 60 000 Menschen umgekommen seien.

Als die Rote Armee Berlin eroberte, waren wir in einem Lager der Engelhardt-Brauerei in Pankow untergebracht. Unsere Bewacher befahlen uns, sämtliche Stacheldrahtzäune abzubauen. Die Russen haben dann alle Deutschen festgenommen. Uns ließen sie laufen - aber nur Richtung Osten. Ich fand mich in einem Treck befreiter Zwangsarbeiter wieder, zwischen Italienern, Polinnen, Franzosen und Ungarn. Wir wollten natürlich alle nach Hause, und wenn wir zu Fuß laufen müssten. Irgendwie schafften wir es, uns über polnisches Territorium in die Tschechoslowakei durchzuschlagen. Dort setzten uns die Russen in einen Zug. Wir wussten nicht, wohin wir fuhren. Ein Ungar fand heraus, dass wir kurz hinter der ukrainischen Grenze gelandet waren. Wir marschierten zurück Richtung Süden. Nach einem Monat erreichte ich endlich Triest und am 1. Juni 1945 meinen Heimatport Casciano di Murlo, wo ich bis heute lebe.

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