Berlin : Chamäleon vor der letzten Verwandlung?

Das Varieté-Theater ist pleite. Die Mannschaft macht weiter

Thomas Loy

„In a broken world“ hieß das Programm. Untertitel: „Wir erheben das Glas Champagner, während die Welt brennt.“ Das konnte nicht gut gehen. Jetzt brennt das Varieté-Theater Chamäleon selbst, und ob jemand zum Löschen gefunden wird, ist offen. Das Chamäleon an den Hackeschen Höfen, bisher eine blühende Kulturstätte, hat Insolvenzantrag gestellt. Geschäftsführerin Claudia Ringwald dreht sich säuerlich lächelnd eine Zigarette. „Das ist meine erste Insolvenz. Sowas will ich nie, nie wieder erleben.“

Dabei sah eigentlich alles gut aus. Im vergangenen Jahr ein Zuschauerplus – gegen den Trend. Auch im Winter lief es nach Plan, sogar der Mai zeigte keinerlei Umsatzschwächen. Aber dann kam es wie ein schweres Unwetter über die Artisten des Hauses: Die Zuschauerzahlen brachen um ein Drittel ein. An manchen Abenden saßen nur noch 40 Leute im großen Saal. Hinein passen 300. Das reicht nicht, um die monatlichen Fixkosten von 165 000 Euro zu begleichen. Generell subventionieren die Wintermonate mit oft ausverkauftem Haus das eher magere Sommerhalbjahr. Die Rechnung ging bisher immer gerade so auf. Rücklagen gab es nicht. „Das Haus ist nicht angelegt, um Millionen damit zu verdienen. Gegründet wurde es von Künstlern. Wir haben auch keinen Konzern im Rücken“, sagt Ringwald.

Jetzt müsse alles auf den Prüfstand: das Konzept, die Eintrittsgelder, die Gagen, aber wahrscheinlich nicht der Standort. „Wir fühlen uns als Teil der Hackeschen Höfe. Das ist ein wunderbarer Standort.“ Am Vermieter habe es zumindest nicht gelegen. „Der hat uns immer ganz toll unterstützt.“

Wenn es um Erklärungen geht, tippt Ringwald vor allem auf die allgemeine Kaufzurückhaltung und die besondere Hitze. Am Varieté selbst könne es nicht liegen – siehe die guten Zahlen des Winters. Die Leute dächten in der Krise eben zuerst an elementare Dinge wie Essen und Kleidung – dabei sei eigentlich das Vergessen der Krise elementar. Was folgt daraus? Das Chamäleon ist unverzichtbar.

Deshalb geht der Spielbetrieb weiter. Die Künstler haben sich mit dem Haus, das für viele auch eine Heimstatt ist, solidarisch erklärt und wollen fürs Erste auf Gage verzichten. „In a broken world“ wurde abgesetzt, um spontan ein neues Programm auf die Beine zu stellen, das die Lage des Hauses und den Sinn der Kunst in der Krise thematisieren soll. „Es muss weitergehen. Wir glauben an die Zukunft des Varietés“, sagt Ringwald. Wie diese Zukunft finanziert werden soll, weiß sie noch nicht. Das ist jetzt Sache der Insolvenzverwalterin. Öffentliche Gelder bekam das Chamäleon noch nie. Diese sensible Frage diskutiert Ringwald eher ungern. „Wenn jemand sagt, wir helfen euch, dann sagen wir nicht Nein.“

Die Proben für das neue Programm laufen vorerst weiter. „Schwarzweiß“ nennt sich die Show. Dabei geht es um Sanatoriumspatienten, die aus ihrem eintönigen Alltag ausbrechen, um ihre Träume zurückzuerobern. Das passt einfach besser zum ungebeugten Optimismus der Chamäleon-Truppe als „In a broken world“.

Der Vorverkauf für die nächsten Vorstellungen läuft weiter – Kartentelefon 282 7118

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