Chancen für Berlin : Der Aufsteiger

15 Jahre war Berlin ohne Erstliga-Handball. Dann wurde Trainer Bob Hanning Manager der „Füchse“ – und schaffte das Unmögliche

Hartmut Moheit

Manchmal steht Bob Hanning auf einem winzigen Balkon, den er als „mein Refugium“ bezeichnet, und versucht abzuschalten. Siebter Stock, Geschäftsstelle der „Füchse Berlin“. Der Blick über den Gendarmenmarkt wirkt auf den 39-Jährigen „wie Baldrian vor Prüfungen“. Der Ort, wo sich das alte mit dem modernen Berlin vermischt, taugt als Symbol für ein Stück seiner Vita. „Als ich vor zwei Jahren aus Hamburg kam, war ich von den Chancen, die Berlin bietet, überzeugt. Als Großstadtkind, das den Kiez liebt und sich für Geschichte und Kultur interessiert, reizte es mich, etwas aufzubauen.“ Der Handball-Manager, Single, lebt jetzt in Charlottenburg. Wenn er von Berlin redet, sagt er „mein Berlin“.

In seinem Berlin wollte Hanning wieder Erstliga-Handball etablieren. Er war gerade als Trainer beim HSV Hamburg entlassen worden und damit frei, dem Hilferuf eines ehemaligen Torhüters aus Gummersbach und heutigen Berliner Unternehmers zu folgen. „Bob, wir brauchen deine Hilfe, die Reinickendorfer Füchse bekommen keine Lizenz für die Zweite Handball-Bundesliga“, lautete der entscheidende Satz von Ulli Theis. Es war im Prinzip ein letzter Versuch. In Berlin schien niemand mehr bereit, Spitzenhandball zu fördern. Bob Hanning sah das als Herausforderung. Er sagte sich: Wenn ich nach Berlin gehe, dann, um ein Team in die Erste Bundesliga zu führen. 15 Jahre hatte die Stadt keinen Handball-Erstligisten mehr gehabt. „Du bist bekloppt“, kommentierten Freunde seine Pläne. Aber Bob Hanning hatte keine Lust mehr, als Trainer „Hütchen aufzustellen und die Spieler von links nach rechts laufen zu lassen“. Von null auf hundert in zwei Jahren, verkündete er im Mai 2005 als Manager der Füchse lauthals. Ein 1,69 Meter kleiner Feldherr, ein Napoleon, der wusste: Ohne neue Ideen würde es nicht klappen.

Er spricht nicht von „Sponsoren“, die er für sein Projekt „Erstliga-Handball in Berlin“ gesucht hat, sondern von „Partnern“. „Ich sehe mich als Bindeglied zwischen ihnen. Letztlich soll einer vom andern profitieren.“ Das ist seine Philosophie. Am vergangenen Dienstag gab es im Melia-Hotel eigens dafür ein „Business-Club-Treffen“, bei dem sich die Füchse-Partner einen Tag lang mit ihren Geschäften vorstellen und Netzwerke knüpfen konnten. Hanning nennt das „Schaffen eines Mehrwerts“. Dafür stehen nunmehr die Füchse Berlin, Nachfolger der Reinickendorfer Füchse. Die DKB-Bank war vom Konzept zu einem Zeitpunkt überzeugt, als die Mannschaft noch nicht einmal die Spiellizenz für die Zweite Liga besaß. „Wenn ihr die Lizenz bekommt, dann unterstützen wir das Projekt, bekam ich von der Bank gesagt“, erzählt Hanning. Wieso? Die Füchse passten in deren Großstadtprojekt. Sport sei ein idealer Partner, „da die dort entscheidenden Attribute wie Spitzenleistung, Ehrgeiz und Einsatzfreude auch in unserem Unternehmen wichtige Komponenten für den Erfolg sind“, schrieb der Vorstandsvorsitzende Günther Troppmann in einem Grußwort. „Ohne die DKB-Bank wäre der Start nicht möglich gewesen“, sagt Hanning. „Sie hat Wort gehalten, andere Versprechungen waren nichts als heiße Luft.“

Schlimmer: Als die Füchse Berlin mit Hilfe des Hamburger Staranwalts Carsten Bartholl die Lizenz bekamen und das Projekt langsam anlief, tauchten Gegner auf, die das verhindern wollten. „Partnern wurde am Telefon gesagt, sie sollten kein Geld für die Füchse geben. Handball habe in Berlin ohnehin keine Chance“, sagt Hanning. Der Manager behielt die Nerven und kommentiert das so: „Neid ist stille Anerkennung.“

Anerkennung für ein paar Gleichgesinnte, die 2005 mit dem Nötigsten, Tisch, Stuhl und Telefon, alles geborgt, in einem Zimmer in Lichtenberg anfingen. Ohne Bezahlung. Ihr Credo: Die Füchse Berlin sollen für jeden Geldgeber ein gläserner Verein sein, bis zur letzten Spesenabrechnung für jedermann überprüfbar. Der vor zwei Jahren aufgestellte Drei-Stufen-Plan ist zu zwei Dritteln erfüllt. Die Investitionen in den Profiverein und das Team flossen: Mittlerweile konnte zweimal hintereinander ein Etat von etwa 1,5 Millionen Euro gedeckt werden. Bob Hanning, ist stolz auf diese „schwarze Null“. Da reagiert er wie ein Banker. Auf Galopper oder Spielchen in Las Vegas setzt er in der Freizeit. Ein Zocker ist er nicht, einer, der gelegentlich frech auf Erfolg setzt, vielleicht.

Das Netzwerk an Partnern hat sich gefestigt, und Hanning ist permanent damit beschäftigt, Fäden zu knüpfen. Seine Argumente lauten: Sie investieren in die zweitbeliebteste Fernsehsportart. In eine Sportart, die sich über die Nationalmannschaft definiert: Deutschland ist Weltmeister. Sie investieren in ein Team, das in der stärksten Liga der Welt spielt. Letzteres kann er mit Recht sagen: Das erste Ziel ist erreicht, die Füchse Berlin haben den Aufstieg zur Erstklassigkeit geschafft. Mit einem Etat von mindestens 2,4 Millionen Euro soll im ersten Erstligajahr die Klasse gehalten werden. Hannings Botschaft an Berlin ist klar: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

Die Serie finden Sie auch im Internet unter www.tagesspiegel.de/chancen.

Herr Schweitzer, ist Ihnen neulich das Brötchen aus dem Mund gefallen, als Thomas Bach beim IHK-Frühstück war?

Na ja, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees hat sich schon sehr kritisch zur Olympia-Bewerbung Berlins geäußert. Bachs Einschätzung, Berlin habe wenig Chancen als Austragungsort der Sommerspiele, war dennoch realistisch. Weil London 2012 dran ist, kommt Europa vor 2024 nicht zum Zuge. Olympische Spiele in unserer Stadt wären dennoch wichtig – auch aus wirtschaftlicher Sicht. Die Unternehmer stehen hinter diesem Projekt. Und die Politik sollte sich jetzt vorbereiten.

Warum so früh?

Weil ein langer Atem wichtig ist. Die Wirtschaft hat verstanden, dass es bei diesen Events um mehr geht als um einen Wettkampf auf der Tartanbahn oder in der Sandkiste. In den Achtzigern hat man müde über den Sport gelächelt. Das Umdenken hat längst eingesetzt, in der Politik und auch in der Wirtschaft. Wir haben erkannt, dass Sport ein wichtiger wirtschaftspolitischer Faktor sein kann. Wir brauchen mehr Events der großen Kategorie, zum Beispiel Weltmeisterschaften. Deshalb freue ich mich, dass die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin stattfindet.

Warum braucht Berlin große Sportevents?

Weil die Stadt davon nachhaltig profitiert. Von modernen Bahnhöfen, sanierten Straßen, einem funktionierenden BVG-Netz. Eine gute Infrastruktur lockt schließlich Investoren an.

Wie viele Menschen arbeiten in der klassischen Sportbranche?

Rund 12 000. Es gibt 1000 Firmen – vom Sportplatzbau bis zum Fitnessstudio. Und diese Firmen setzen rund zwei Milliarden Euro um, mit steigender Tendenz. Das sind die harten Fakten.

Und die weichen?

Sport bringt die Menschen zusammen – auf der Straße, auf dem Sportplatz, sorgt für Integration. Unternehmen müssen sich in diesem Bereich noch intensiver engagieren, dafür wirbt auch die IHK.

Das Gespräch führte André Görke.

AM DIENSTAG:

Verkehr

Eric Schweitzer (41)

ist Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) und Vorstand des Entsorgers Alba. Er joggt drei Mal die Woche am Schlachtensee entlang.

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