• CHANCEN FÜR BERLIN Die Stadt ist pleite? Mag sein, aber sie hat Möglichkeiten – als Stadt vieler Nationen (14): Weltstadt auf den zweiten Blick

CHANCEN FÜR BERLIN Die Stadt ist pleite? Mag sein, aber sie hat Möglichkeiten – als Stadt vieler Nationen (14) : Weltstadt auf den zweiten Blick

Berlin ist internationaler als es scheint, findet der weltweit tätige Manager Pierre Attendu. Und daraus ließe sich noch mehr machen

Lars von Törne

Den Spruch musste sich Pierre Attendu vor zwei Jahren öfter anhören: „Wieso geht ihr denn nach Berlin und nicht nach Paris oder London?“ Als der Bombardier- Manager ankündigte, des Berufs wegen mit der Familie aus Brüssel an die Spree zu ziehen, konnten viele Freunde und Verwandte nichts mit dieser Stadt verbinden. Auch er selbst hatte nach einer Karriere in Montreal, Chicago, New York und Brüssel nicht das Gefühl, in eine echte Metropole zu ziehen. „Berlin wirkte anfangs europäisch, aber nicht so international wie andere Städte“, sagt der 46-jährige Kanadier. Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt, Mitglied der Geschäftsführung, leitet bei Bombardier die Einkaufsabteilung mit weltweit 1000 Mitarbeitern. Vor einem Jahr zog die Weltzentrale der Transportsparte des Konzerns nach Berlin, an den Landwehrkanal in Mitte.

Als Pierre Attendu und seine Frau Joelle ihre beiden Söhne auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule schickten und die Kinder sich Sportvereinen anschlossen, in denen sie mit Russen, Tschechen, Schweden, Kanadiern und Deutschen Eishockey und Badminton spielen, änderte sich ihr Hauptstadt-Bild. „Da merkte ich erst, dass es in dieser Stadt hundert Nationen gibt“, sagt Attendu. „Aber es ist eben nicht so offensichtlich wie in anderen Städten.“ Deswegen wundert er sich, wieso die Stadt weltweit nicht offensiver für sich wirbt. „Berlin ist ein Geheimnis, das noch entdeckt werden muss“, glaubt er. Wer genau hinschaue, dem wachse die Stadt ans Herz. Er sagt: „Berlin ist internationaler als New York.“ Das Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturen sei in Berlin weiter entwickelt und auch angenehmer.

Internationalität ist für Pierre Attendu ein Aktivposten, den es zu nutzen gilt. Deswegen hat der Jogger vor einem Jahr in seinem Konzern ein Laufteam ins Leben gerufen. Mehr als 100 Bombardier- Kollegen aus einem guten Dutzend Länder trainieren jetzt unter dem Titel „Running for Excellence“ für ein Ziel: Bei der Berliner Team-Staffel über fünf mal fünf Kilometer am 20. Juni an der Spitze zu sein. Als Trainer konnte Attendu den Laufstar Stéphane Franke gewinnen, der in den neunziger Jahren bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei Olympischen Spielen erfolgreich für Deutschland lief und seitdem Lauf-Ratgeber veröffentlicht. Ein Teil des Teams sitzt zusammen mit Attendu in der Berliner Konzernleitung, die übrigen Mitstreiter, die bei Bombardier in Italien, Frankreich oder Mexiko arbeiten, halten per Telefon und E-Mail den Kontakt zu Attendu und Coach Franke. Ratschläge gibt es auf Deutsch, Englisch und Französisch. Alle paar Wochen kommen sie per Telefonkonferenz zusammen.

Wie international die Stadt auch jenseits des eigenen Konzerns ist, merkt Attendu immer dann besonders, wenn er seinen Hobbys nachgeht: Sport und Kultur. „Bei Shows wie im Chamäleon-Theater in den Hackeschen Höfen oder bei Tennisturnieren und Beachvolleyball-Wettbewerben habe ich Leute aus aller Welt kennengelernt.“ Das Gleiche gilt fürs tägliche Lauftraining durch den Grunewald oder um den Schlachtensee. „Da höre ich ständig Englisch, Französisch oder Schwedisch.“ Auch sonst lebt Attendu ein internationales Leben, für das Berlin die Basis ist. Er reist durch die Welt, um Lieferanten und Kollegen in 40 Ländern zu treffen und sicherzustellen, dass sein Konzern alles hat, was er braucht, um in Werken wie dem in Hennigsdorf Züge für Kunden wie die Bahn AG , BVG oder S-Bahn zu bauen. Nicht mal die mangelnden internationalen Flugverbindungen sieht der Manager als Problem. „Ich hatte bisher keine Schwierigkeiten, irgendwo hinzukommen“ – wenn auch meist mit Umweg über Frankfurt oder Paris.

Die größte Hürde für ein internationales Leben im Berliner Alltag ist für den Zugezogenen bis heute die Sprache. Zwei bis drei Mal die Woche bekommt er Deutschunterricht, aber bislang sind bei Sozialkontakten hauptsächlich seine Frau und die Kinder für die neue Sprache zuständig. „Für einen Smalltalk reicht es inzwischen, aber wenn die Leute schnell reden, bin ich verloren“, gesteht Pierre Attendu. Auch wünscht er sich, dass zumindest die wichtigsten Formulare der Behörden mehrsprachig wären, wie in anderen Ländern üblich. Bei der Arbeit kommt der Manager gut ohne Deutsch aus. Auf den Fluren der Zentrale von Bombardier Transportation, in der in Berlin 450 Menschen arbeiten, begrüßt man sich mit „Hi“, Besprechungen finden meist in Englisch oder auch mal in Französisch statt. Deutsch ist hier, von wo aus die Arbeit von 29 000 Mitarbeitern weltweit geleitet wird, nur eine Sprache von vielen. Dennoch bemüht sich Attendu. „Ohne die Sprache ist ein wirklich enger Kontakt mit unseren Nachbarn in Zehlendorf nicht möglich.“

Die haben ihn und seine Familie vor zwei Jahren so herzlich empfangen, wie er es angesichts des international gepflegten Klischees vom ruppigen Berliner nicht erwartet hätte. Auch das gehört für ihn zu einer international offenen Stadt: „In Brüssel haben wir in 14 Jahren unsere Nachbarn nie gesehen – in Berlin kamen in den ersten zwei Wochen alle vorbei, um uns guten Tag zu sagen und uns einzuladen.“

Welche Chancen Berlin sich durch mehr Internationalität – und eine darauf abgestimmte Eigenwerbung – eröffnen kann, hat für Attendu vor allem die WM 2006 gezeigt. Als die Stadt im weltweiten Fokus lag, änderte sich auch das Berlin-Bild im Ausland. Das merkt der Kanadier bei seinen in anderen Ländern lebenden Freunden und Verwandten. „Jetzt wollen sie alle zu Besuch kommen.“

Hier endet unsere Serie. Alle Folgen im Internet: www.tagesspiegel.de/chancen

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