Berlin : Chaos der Entscheidungen

19. April 1945: Hitler und seine Generäle sind uneins über die Strategie

Richard Lakowski

Dieser Frühlingstag brachte die Entscheidung über den Ausgang der Berliner Operation, aber noch nicht das Ende. Zur Kapitulation war weder die Reichsführung noch die Mehrzahl der Soldaten bereit. Im Bunker der Reichskanzlei schmiedeten Hitler und seine Umgebung immer neue undurchführbare Pläne, klammerten sich an Illusionen, wie die eigene Existenz verlängert werden könnte. Der Mehrzahl der Offiziere und Soldaten dagegen ging es darum, sich in die Gefangenschaft der westlichen Alliierten durchzuschlagen, um der gefürchteten in der UdSSR zu entgehen.

Mit letzterem Ziel forderte General Busse, wenngleich vergeblich, die Rücknahme der am 19. April noch an der Oder, südlich von Frankfurt kämpfenden Teile seiner Armee. Ebenso wie General Weidling verband er damit die Hoffnung, mit den Truppenresten südlich an Berlin vorbei zur Elbe zu gelangen. Hitler dagegen befahl in der Nacht zum 20. April, alle noch in Berlin befindlichen Truppenteile bei der 9. Armee einzusetzen. Er hielt an seiner Absicht fest, „eine zusammenhängende Front ostwärts der Reichshauptstadt zu erhalten oder in den feindlichen Einbruchsräumen aufzubauen“.

Mit derartigen Überlegungen verlor der „Verteidigungsbereich Berlin“ seine „Verteidiger“. Wechselnde Verantwortlichkeiten, Kompentenzen-Wirrwarr, die Vielfalt zentraler Instanzen, nicht zuletzt die Person des „Führers“ erschwerten den Aufbau eines effektiven Verteidigungssystems. Ein von dem damaligen Befehlshaber, General Reymann, Anfang März unterzeichneter Befehl für die Vorbereitung zur „Verteidigung der Reichshauptstadt“ verlangte Eigenschaften wie Fanatismus, Hinterlist, Hass und rücksichtslosen Kampf ohne Hemmungen. Die organisatorischen und taktischen Maßnahmen des Befehls nahmen auf die Bewohner und ihre Stadt keine Rücksicht.

Berlin umgab eine äußere Sperrzone aus befestigten Stützpunkten. Zu ihnen gehörten Orte in der Mark wie Mittenwalde, Schönefeld, Drewitz, Birkenwerder, Velten und Bernau. Etwa am Stadtrand verlief die äußere Verteidigungslinie. Um das Stadtinnere zog sich die innere Verteidigungszone, die mit dem S-Bahn-Ring identisch war. Die auf diese Weise gebildeten Verteidigungsgürtel teilte man in acht Sektoren, die die Bezeichnung A-H trugen; die im Osten liegenden Abschnitte hatten die Buchstaben A-C. Einen neunten Sektor Z bildete die Stadtmitte. Er war besonders stark befestigt. Von Februar an war die Stadt für die Verteidigung vorbereitet worden. Vor allem die Flakbunker im Friedrichshain, Humboldthain und im Zoologischen Garten bildeten fast uneinnehmbare Festungen.

Das sowjetische Oberkommando rechnete in Berlin mit einem Gegner, der über 300 000 Mann, 3000 Geschütze und 250 Panzer verfügte – Zahlen, die viel zu hoch angesetzt waren. Eine Aufstellung der Abteilung Landesbefestigung des Generalstabes des Heeres vom 19. April nennt dagegen 94 094 Mann, darunter 69 Volkssturmbataillone, der Rest Wehrmachteinheiten mit wenig Kriegserfahrung. Berlin war damals nach seiner Fläche die sechstgrößte Stadt der Welt. Mit den vorhandenen Kräften war eine Metropole dieser Größe nicht zu verteidigen. Doch wie so oft im Krieg sollte sich die Situation verändern, als General Weidling mit den Resten seines Korps am 23. April von Hitler in die Stadt geholt wurde.

Richard Lakowski (66) ist Militärhistoriker. Er arbeitete bis 1996 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam und lebt in Erkner.

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