Berlin : Chaos im Cockpit führte zu Absturz der Luxair-Maschine

Expertenbericht weist den Piloten die Hauptverantwortung für das Unglück zu, bei dem im November vergangenen Jahres 20 Menschen starben

Marc Glesener[Luxemburg]

Der Absturz einer Propellermaschine der Fluggesellschaft Luxair am 6. November 2002 ist offenbar auf schwere Pilotenfehler zurückzuführen: Totale Desorganisation im Cockpit, mangelhafte Vorbereitung der Landung und Verstöße gegen die vorgeschriebenen Prozeduren sind nur einige der Vorwürfe in einem vorläufigen Bericht der Untersuchungskommission zu dem Unglück.

Zwanzig Menschen waren ums Leben gekommen, als die Fokker F-50 der Luxair vor einem guten Jahr beim Landeanflug auf den Flughafen Luxemburg/Findel abstürzte. Die meisten von ihnen waren deutsche Staatsangehörige auf dem Weg von Berlin ins Großherzogtum. Der 27-jährige Pilot und ein Passagier überlebten den Crash schwer verletzt. Ein erster technischer Zwischenbericht über den Absturz hatte im Februar bereits darauf hingewiesen, dass der Landeanflug auf den Flughafen zu spät eingeleitet worden war.

Der jetzige Bericht der Expertenkommission sollte erst am 15. Dezember veröffentlicht werden. Gestern jedoch wurden Teile von ihm bekannt. In Auszügen, die dem Tagesspiegel vorliegen, heißt es unter anderem: Im Cockpit habe beim Landeanflug wegen ungenügender Vorbereitung zeitweise „totale Desorganisation“ geherrscht, und die Crewmitglieder hätten nicht mehr koordiniert gehandelt. Statt den Vorschriften für Landungen zu folgen, improvisierten Pilot und Kopilot nur noch – und zwar jeder für sich allein. Das Chaos muss so groß gewesen sein, dass irgendwann die Propeller – wohl versehentlich – auf Schubumkehr geschaltet wurden. Die plötzliche Bremswirkung führte zu einem abrupten Verlust von Geschwindigkeit und Höhe – und nun wurden die Motoren offenbar auf Leerlauf geschaltet. „Was ist das?“, waren die letzten Worte, die auf dem Cockpit-Tonband zu hören sind. 23 Sekunden später schlug die Maschine auf dem Erdboden auf. Der Pilot, der den Absturz überlebte, kann sich Angaben seines Rechtsanwaltes heute an nichts mehr erinnern.

Die Ermittler kritisieren in ihrem Bericht auch die Ausbildung von Pilot und Kopilot, die – wie es heißt – programmatisch den erforderlichen Standards nicht entsprochen habe. Auch dadurch sei die Koordination zwischen den Crewmitgliedern deutlich beeinträchtigt worden. Der Luxair wird zu Reformen bei der Ausbildung ihres Personals geraten.

Die Experten kritisieren aber auch die technische Ausrüstung der abgestürzten Fokker: Sie weisen unter anderem darauf hin, dass an der Unglücksmaschine eine vom Hersteller empfohlene Nachrüstung nicht durchgeführt worden war. Es handelt sich dabei um eine Sicherung, die verhindern soll, dass die Propeller in der Luft in eine Leerlaufposition gebracht werden können.

Luxemburgs Transportminister Henri Grethen bedauerte gestern die Veröffentlichung von Teilelementen des Berichtes über den Fokker-Absturz. Die Ergebnisse der Expertenarbeit wollte er nicht kommentieren. Auch die Luxair gab zu der Untersuchung keinen Kommentar ab. Sie wolle zunächst den endgültigen Bericht abwarten, teilte die Fluggesellschaft mit.

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