Berlin : Chaos im Konsum

Staatsanwaltschaft stellt geheim gehaltenes Gutachten sicher Ihr Verdacht: Kleinanleger wurden getäuscht – und verlieren Geld

Lorenz Maroldt

Den 190000 Kleinanlegern der Konsumgenossenschaft droht der Totalverlust ihrer Einzahlungen von insgesamt 57 Millionen Euro. Sie wurden über die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse getäuscht. Am Montag beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft ein geheim gehaltenes Sanierungsgutachten, das die Firma Ernst & Young für den Vorstand erstellte und das dem Tagesspiegel vorliegt. Aus dem Gutachten geht hervor, dass die Einnahmen der Genossenschaft jedes Jahr um mehrere Millionen unter den Rückzahlungen an die Banken liegen. Die Lücke konnte nur noch dadurch geschlossen werden, dass immer neue Kredite und Geldeinlagen alter und neuer Genossenschaftler eingeworben wurden – wie bei einem Schneeballsystem. Der frühere Vorstandsvorsitzende Alexander Lottis, der nur wenige Wochen im Amt war, hatte die Verluste der Genossenschaft auf mindestens 96 Millionen Euro beziffert. Er wurde vor wenigen Tagen entlassen, nachdem er seinen Vorgängern Manipulation vorgeworfen hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Verdacht lautet Bilanzfälschung und Anlagebetrug. Die Banken, die ein Gutachten gefordert hatten, haben am veFreitag die Kreditlinien zugemacht. Morgen wollen sie das weitere Vorgehen besprechen.

Die vor mehr als 100 Jahren gegründete Konsumgenossenschaft hatte in der DDR die gleichnamigen Geschäfte betrieben. Heute vermietet sie unter anderem eigene Immobilien an Lebensmittelketten, führt die Reisebüros K-Tours und ein Hotel am Müggelsee.

Trotz der desolaten finanziellen Lage und der hohen Verluste zahlte die Genossenschaft in den vergangenen Jahren jeweils eine Dividende von insgesamt mehr als zwei Millionen Euro aus – neue Mitglieder konnten glauben, es mit einem erfolgreichen Unternehmen zu tun zu haben.

Die Protokolle zweier Vorstandssitzungen weisen auf dubiose und zweifelhafte Geschäftspraktiken hin. Unter anderem hatte der Vorstand beschlossen, eine in den Bilanzen zu erkennende Abwertung des Immobilienbestandes zu verschieben - trotz drastisch gesunkener Immobilienpreise.

Ernst & Jung hält eine Rettung nur für möglich, wenn die Banken auf die Rückzahlung von 60 Millionen Euro verzichten. Eine pikante Idee: Die meisten Kredite kamen von der Bankgesellschaft. Lorenz Maroldt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben