Berlin : Chaos in der Heerstraße

BVG-Busse sollten Vorfahrt bekommen – stattdessen brach die grüne Welle zusammen

Rainer W. During

Was immer mehr Verkehrsteilnehmer als Chaos bezeichnen, heißt in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „technische Anpassung“: Seit Monaten funktioniert es nicht mehr mit der grünen Welle auf der Heerstraße. Und an manchen Kreuzungen sind sich stauende Fahrzeuge und über die Fahrbahn sprintende Fußgänger ein übliches Bild. Schuld ist die neue Busbeschleunigung, bei der BVG-Busse automatisch die Vorfahrt erhalten. Sie konnte bisher nicht mit der komplizierten Signalisierung auf Berlins wichtigster Verbindung mit dem westlichen Umland harmonisiert werden.

Wochenlang war während der Sommermonate die Fahrstreifensignalisierung, die je nach Verkehrsaufkommen mehr Spuren in Richtung Osten oder Westen freigibt, nicht funktionstüchtig. Jetzt ist schon seit gut einer Woche die Temporegelung außer Betrieb, die den Autofahrern die Richtgeschwindigkeit für eine grüne Welle vorgibt. Weil die BVG-Busse die Phasen der Lichtsignalanlagen jetzt auch auf der Heerstraße nach Bedarf verändern, hatten die Angaben „mit der Realität der Ampelschaltung nur noch wenig zu tun“, gibt Rolf Brodback, Leiter der Verkehrslenkung in der Senatsverwaltung, zu. Jetzt wird versucht, die Computersteuerung der Tempoempfehlung so zu ändern, dass die permanenten Änderungen der Intervalle durch die Busse automatisch berücksichtigt werden. Doch nicht nur mit der grünen Welle hapert es. An den wichtigsten Kreuzungen mit dem Nord-Süd-Verkehr, der Gatower und der Wilhelmstraße in Spandau, herrscht besonders im Berufsverkehr heilloses Durcheinander. Autofahrer beklagen, dass die Grünphasen so kurz sind, dass nur drei oder vier Fahrzeuge die Heerstraße passieren können. Aber auch in Ost-West-Richtung stauen sich die Autos – oft bis nach Staaken. Passanten leiden ebenfalls unter dem Ampelchaos. Die Grünphasen für Fußgänger sind so kurz, dass man kaum über die ganze Heerstraße kommt. Weil kaum jemand auf dem Mittelstreifen warten möchte, wird die zweite Fahrbahn immer häufiger bei Rot überquert. Die Gefahr an den ohnehin schon als Unfallschwerpunkte geltenden Kreuzungen steigt.

Die Busbeschleunigung ist ein „politisches Ziel“ des Senats, sagt Verkehrslenkungschef Brodback. Impulsgeber gewährleisten bei Annäherung an entsprechend ausgestattete Kreuzungen grünes Licht für die Busse. Das geschieht ohne Rücksicht auf die regulären Intervalle und die aktuelle Situation des Individualverkehrs. Mitte Juli hieß es noch, die Umstellung der Computer sei bis Ende August abgeschlossen. Davon ist inzwischen keine Rede mehr. Eine neue Prognose will Rolf Brodback nicht wagen. „Man arbeitet daran“, sagte er vorsichtig.

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