Berlin : „Chaotenzentrale“ mit Mietvertrag

Das Haus in der Köpenicker Straße war einst das bekannteste Besetzer-Haus Jetzt rief ein Polizeieinsatz gegen eine Kneipe alte Zeiten in Erinnerung

Hannes Heine

Susanne hat ihr Paradies gefunden. „Ich will nirgendwo anders wohnen“, sagt sie. Wer Susanne zu Hause besuchen will, muss durch ein Gittertor, vorbei an Sperrmüll und alten Fahrrädern über den Hof. Das Treppenhaus ist dunkel, Stromkabel hängen von der Decke, ein paar Flaschen liegen herum, die Wände sind mit Plakaten und Graffitis übersät. Susanne ist 35 Jahre alt, Erzieherin, sie ist tätowiert, der halbe Schädel ist rasiert, der Rest mit geflochtenen Zöpfen verziert. Susanne lebt in der „Köpi“, einem in bestimmten Kreisen nahezu legendären Haus in der Köpenicker Straße 137 in Mitte.

Schon vom Ostbahnhof aus ist die „Köpi“ nicht zu übersehen. „Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten“ - der Schriftzug prangt in meterhohen Buchstaben am Seitenflügel des vierstöckigen Altbaus. Weit über Berlin hinaus war dieses Gebäude mal als Zentrum der Hausbesetzerszene bekannt. Aus ganz Europa sind Sympathisanten hierher gereist, wenn es galt, Räumungen zu verhindern. Noch in den 90ern wurden Polizeifahrzeuge von Vermummten mit Flaschen und Steinen beworfen. „Chaotenzentrale“ titelte ein Magazin; das Verhältnis zur Presse ist deshalb gespalten, und ihre Nachnamen wollen die Bewohner erst recht nicht in der Zeitung lesen. Dann wurde es ruhig, und es schien fast, als sei eine Szene gestorben, für die Berlin fast zwei Jahrzehnte lang berühmt war. Bis zu einem Freitag Mitte Januar.

Im Erdgeschoss, im hauseigenen Veranstaltungszentrum „Koma F“, sitzen damals ein Dutzend Leute beim Bier. Gegen Mitternacht geht die Tür auf und knapp 40 Polizisten strömen herein. Die Köpi-Leute bleiben sitzen, überrascht, erstaunt, solchen Besuch sind sie nicht mehr gewöhnt. Zwar kommen recht schnell zahlreiche Freunde des Hauses aus dem nahen Kreuzberg angerannt, doch die Lage bleibt ruhig, zu Auseinandersetzungen kommt es nicht. Die Beamten nehmen die Personalien auf, ziehen dann aber schnell wieder ab. Es habe, wird Joachim Zeller (CDU), der zuständige Wirtschaftsstadtrat aus Mitte, später sagen, vermehrt Beschwerden über eine illegale Kneipe im Haus gegeben. Blödsinn, sagt Susanne, hier verdiene niemand Geld an Gästen. Dafür hätten nun einige Bewohner Angst vor einem Rausschmiss – und das ausgerechnet im Winter. „Früher war es da sehr viel turbulenter“, das gibt auch Joachim Zeller zu, der ehemalige Bürgermeister von Mitte. Es hört sich trotzdem so an, als wolle er nicht lockerlassen; bis heute ist er bei seiner Meinung geblieben. Das „Koma F“ müsse geschlossen werden, Grund: illegaler Schankbetrieb. Der Rechtsanwalt, der die Bewohner vertritt, hält dagegen: Eine Kneipe müsse für jeden erkennbar und öffentlich zugänglich sein, das sei in der „Köpi“ nicht so. Er vermutet hinter dem Einsatz einen Einschüchterungsversuch. Die Beamten hätten nach Flugblättern gesucht, die gegen den baldigen G8-Gipfel in Heiligendamm gerichtet sind. Gewalttätige Störungen plane hier niemand mehr.

„Wir wollen einfach gemeinsam leben“, sagt Susanne. Sie wohnt seit mehr als zehn Jahren in der „Köpi“, zusammen mit Arbeitern und Arbeitslosen, Studenten und Schülern, Eltern und Kindern. Sich fotografieren lassen, will weder sie noch ihre 40 Nachbarn. Gekocht werden kann in der Gemeinschaftsküche, die meisten Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. „Ein anonymes Mietshaus ist nicht mein Ding“, sagt Susanne, die in einem hellen Zimmer in der dritten Etage neben einem Ofen sitzt. Ein wenig stickig, aber gemütlich ist es. Kalt werde es erst, wenn es draußen friert, sagt Susanne. Die Stromrechnung wird pünktlich beglichen, auch die Gebühren für den Internetanschluss. Die Stadtreinigung kommt und holt den Müll. „Der Schornsteinfeger kostet 600 Euro im Jahr“, sagt Susanne empört. Einige Mitbewohner wären gar bereit, eine „angemessene Miete“ zu zahlen.

Dass keine Miete gezahlt wird, hat offenbar nur noch wenig mit der Ablehnung „kapitalistischer Verwertungslogik“ zu tun. Es gebe einfach niemanden mehr, der die Miete verlangt, sagt Stefan. Der 36-jährige Altenpfleger, der abgenutzte Jeans und einen zerschlissenen Wollpulli trägt, ist Besetzer der ersten Stunde. Vor 17 Jahren ist Stefan mit vier Mitstreitern in das leer stehende Gebäude am ehemaligen Grenzstreifen eingezogen. Im Osten Berlins standen damals viele Altbauten leer. Bald waren insgesamt mehr als 100 Immobilien in der Innenstadt besetzt.

Das ging oft wenig friedlich aus. In der Mainzer Straße in Friedrichshain gab es 1991 tagelang Ausschreitungen, als die besetzten Häuser von mehreren Hundertschaften Polizei gewaltsam geräumt wurden. Die Bewohner landeten auf der Straße, die Häuser wurden saniert und teuer verkauft. Das wollten die Besetzer der „Köpi“ vermeiden, sie haben deshalb mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung, der das Haus inzwischen gehörte, Mietverträge abgeschlossen - sehr günstige, sagt Stefan. Im Oktober 1995 übernahm dann ein neuer Eigentümer das Grundstück. Der kündigte den Bewohnern - ging jedoch kurz darauf Pleite. Seit Jahren sei der Eigentümer nicht mehr zu erreichen, sagt der Rechtsanwalt des „Köpi“. „Der hat so viele Schulden, das Geld wäre sofort wieder weg.“ Eine Versteigerung des Grundstücks scheiterte.

Polizeipräsident Dieter Glietsch hat erklärt, für seine Behörde sei die Angelegenheit nach dem missglückten Polizeieinsatz erledigt. Ein ehemaliger Bewohner feixt, das Haus gebe es schon so lange, da könne man „ein bisschen Harmonie zwischen Staatsmacht und Staatsfeinden“ wohl erwarten.

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