Charité-Fall : Eltern in Angst

Ein Kind ist tot, 15 Frühchen sind infiziert, sieben weitere erkrankt. Charité-Fall löst Debatte über Klinikhygiene aus.

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Krise an der Charité.
Krise an der Charité.Foto: dpa

Die Sonne und die warmen Herbstlaubfarben verbreiten eine trügerische Idylle in der Mittelallee auf dem Gelände des Virchow-Klinikums in Wedding. Hier gehen Eltern von Frühgeborenen ein und aus, die sich ohnehin um das Leben ihrer Kinder sorgen – und nun wegen eines Keimes namens Serratia in zusätzliche Unruhe versetzt werden. Das Darmbakterium ist in der Regel harmlos, nicht jedoch für frühgeborene Babys. Seit Juli wurde der Keim an 22 Neugeborenen und Frühchen in der Station nachgewiesen. 15 Babys sind infiziert, aber nicht erkrankt, doch sieben der nur wenige hundert Gramm leichten Kinder haben das Bakterium im Blut, sie sind erkrankt, erhalten Antibiotika. „Da macht man sich schon große Sorgen“, sagt eine Mutter auf der Bank vor der Frauenklinik, sie kommt immer mit der sechsjährigen Tochter her, zur Dialyse.

Auch bei den Eltern anderer Kinder, die am Sonnabend etwa nach Bestrahlungen oder mit Verdacht auf Gehirntumore hier sind, lösen die Nachrichten über den Tod des Babys eine Diskussion um Klinikhygiene aus. Während die einen der Meinung sind, an der Charité werde weniger als an anderen Kliniken darauf geachtet, etwa Handschuhe und Mundschutz zu tragen, auch weil das Personal stets unter Zeitdruck arbeite, loben andere die Sauberkeit in der Uniklinik.

Wenig später erklären die Charité-Leiter der kurzfristig eingeladenen Presse, dass die Feuerwehr am 14. Oktober für ihre Notfahrten über die Vorfälle an der Charité informiert wurde. Wer sich dann in dem Weddinger Krankenhaus am Augustenburger Platz 1mit dem Fahrstuhl auf den Weg macht zur Neonatologie-Station, wird freundlich, aber bestimmt gebeten, sich bei Fragen an die Charité-Leitung zu wenden. Kein Zutritt, keine Auskunft, man bittet um Verständnis. Laut Charité-Leitung werden die Eltern des verstorbenen Kindes intensiv betreut.

Die aktuellen Fälle dürften erneut eine Debatte um die Hygiene in Krankenhäusern auslösen. An Europas größter Universitätsklinik ist bereits heftig um Sicherheit und Infektionen gestritten worden. Keime in Kliniken sind trotz intensiver Bemühungen nicht vollständig vermeidbar. „In jedem Fall muss eine Station bei Bekanntwerden eines Befalls geschlossen werden“, sagte der Gesundheitsexperte der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers. Weil sich in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr hunderttausende Patienten mit Klinikkeimen infizieren, bemühen sich Hygieneexperten und Gesundheitspolitiker um die Veröffentlichung von Daten der einzelnen Kliniken. „Dieses Projekt wird seit zehn Jahren verfolgt, immer mal wird mehr Transparenz angekündigt, passiert ist seitdem wenig“, sagte Albers, selbst Klinikarzt. Seit 2011 besteht die Pflicht, die Ausbrüche von Keimen zentral zu melden. Die zuständigen Gesundheitsämter der Bezirke übermitteln die Daten aber anonymisiert an das Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Keime gelangen durch Patienten, aber auch durch Personal und Besucher in Kliniken. Einige Erreger entstehen in ihrer spezifischen Form erst in Krankenhäusern und sind daher oft gegen Antibiotika resistent. Seit Juli gilt für Berlins Kliniken eine neue Verordnung. Künftig soll der Einsatz von Antibiotika besser gesteuert werden, eben weil sich erst durch deren massenhaften Gebrauch viele Erreger zu multiresistenten Keimen entwickelt haben. Die Krankenhäuser müssen ihren Antibiotika-Verbrauch nun mit Daten anderer Kliniken vergleichen. Viele Mediziner sagen, Berlins Krankenhäuser seien vergleichsweise „gut aufgestellt“. Auch Ärzte und Pfleger an der Charité sagten dem Tagesspiegel, dass die Uniklinik zuletzt viel für die Hygiene getan habe.

Der Direktor der Klinik für Neonatologie, Christoph Bührer (l.), der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, und die Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, Petra Gastmeier, informieren die Öffentlichkeit. Fotos: Marc Tirl/dpa
Der Direktor der Klinik für Neonatologie, Christoph Bührer (l.), der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, und die Leiterin...Foto: dpa

Das war nicht immer so, wie auch leitende Mitarbeiter zugeben: Die Charité hatte vor Jahren die Tochterfirma CFM gegründet, die für Reinigung und Lieferungen zuständig ist. Immer wieder hatten Mitarbeiter und die Gewerkschaften Verdi und IG Bau kritisiert, dass Reinigungskräfte nicht gesondert desinfiziert und immunisiert worden seien. Seit diesem Sommer sollen Einrichtungen bereits ab 400 Betten eine Hygienefachkraft beschäftigen. Unabhängig davon muss in allen Kliniken und Reha-Einrichtungen ein Arzt als Ansprechpartner für Hygienefragen fungieren.

Die Gesellschaft für Krankenhaushygiene hatte zu Jahresanfang erklärt, in Berlin gebe es jährlich 36 000 vermeidbare Infektionen mit Klinikkeimen, 2300 davon könnten – müssen aber nicht – die Ursache für Todesfälle sein, vor allem bei Alten und Kleinkindern.

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