Charité : Labore für Ärzte-Ausbildung vergessen

Gravierende Fehlplanungen bei Charité-Neubau: Kosten sind mindestens 30 Millionen höher als vorgesehen. Wichtige Bestandteile der Klinik wurden nicht beachtet.

Uwe Schlicht
Charite
Kostenexplosion: In der Charité wurde bei der Sanierung falsch geplant. -Foto: ddp

An der Charité bahnt sich ein finanzielles Debakel an. Die Kosten für den Neubau der Vorklinik sind drastisch gestiegen. Das wurde gestern bei den Haushaltsberatungen des Wissenschaftsausschusses deutlich. Im Jahr 2006 hatte der Berliner Senat auf Drängen der Charité beschlossen, die Vorklinik allein am Standort Mitte zu konzentrieren. Dazu wurde ein Neubau mit Kosten in Höhe von 55 Millionen Euro eingeplant. Tatsächlich betragen die Kosten jetzt mindestens 86 Millionen Euro – und bis zum Bauabschluss und der Schlüsselübergabe des fertig eingerichteten Gebäudes könnten weitere Millionen hinzukommen. Würde man die Äußerungen des Charitédekans Martin Paul für die Berechnungen zu Grunde legen, wäre das Desaster noch größer. Paul hatte noch im Frühjahr 2007 die Neubaukosten für die Vorklinik mit 38 Millionen Euro beziffert.

Der für die Verwaltung zuständige Klinikumsdirektor Behrend Behrens begründete die Kostensteigerung vor den Abgeordneten damit, dass die Gründungskosten für den Neubau der Vorklinik zu niedrig angesetzt worden seien. Die Architekten hätten außerdem den Fehler begangen, die Ausstattung der Laboratorien für die vorklinische Ausbildung nicht berücksichtigt zu haben.

Beide Begründungen konnten die Abgeordneten nicht überzeugen. Schließlich sei bekannt gewesen, dass die Charitégebäude im Spreebogen auf ehemaligem Sumpfgelände errichtet wurden. Sie müssen deshalb auf Pfählen oder Betonwannen gegründet werden. Und wie man die Ausstattung der Laboratorien in der Vorklinik als Kostenfaktor übersehen kann, sei noch rätselhafter. Die wesentliche Ausbildung der Vorkliniker vollzieht sich in praktischen Übungen im Labor – in Physiologie, Biochemie, Chemie, Physik und Biologie.

Die Kommentare der Abgeordneten fielen entsprechend kritisch aus. Der CDU-Abgeordnete Christian Goiny verwies darauf, dass bei der Verlagerung der Vorklinik mit geringeren Kosten argumentiert worden sei. Jetzt müsste man fragen, ob der Verbleib der Vorklinik an der Freien Universität die kostengünstigere und effektivere Variante gewesen wäre. Die Freie Universität verfügt seit den 60er Jahren über eine moderne Vorklinik an der Arnimallee, deren Sanierungskosten vor wenigen Jahren noch mit 20 Millionen Euro angesetzt worden waren.

Die Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung, Annette Fugmann-Heesing (SPD), kündigte Konsequenzen an: Künftig müsse der Vorstand der Charité dem Aufsichtsrat „verlässliche Bedarfs- und Kostenschätzungen vorlegen“. Der Wissenschaftsausschuss verlange einen Bericht, in dem aufgeführt werde, welche Folgerungen aus diesem Beispiel für die Zukunft getroffen werden. Mit diesen Ankündigungen ist die Angelegenheit nicht erledigt. Die eigentliche Haushaltsentscheidung für den Doppelhaushalt 2008/2009 fällt im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses.

0 Kommentare

Neuester Kommentar