Charité-Leiche : Hunderte Hinweise auf Luxemburgs Spur

Rechtsmediziner der Charité fahndet mit Familienforschern und Historikern. Doch die Suche nach Erbmaterial zur Identifizierung der Leiche ist schwierig.

Nana Heymann,Claudia Keller
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Rosa Luxemburg. Die Revolutionsführerin wurde am 15. Januar 1919 von Soldaten des preußisch-deutschen Heeres ermordet. -Foto: dpa

Bei Michael Tsokos, dem Leiter der Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Charité klingelt zurzeit ständig das Telefon. Vor drei Tagen habe ihn zum Beispiel eine ältere Dame angerufen, die meinte, zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen zu können. Ihre Oma habe einst erzählt, dass sie mit Rosa Luxemburg mal zum Kaffeetrinken verabredet gewesen war. Von diesem Treffen blieb der Frau ein auffälliger Buckel auf Luxemburgs Rücken in Erinnerung, von dem sie ihrer Enkelin erzählte. Ob die Wasserleiche aus dem Keller der Berliner Rechtsmedizin, bei der es sich um die Revolutionsführerin handeln könnte, einen solchen Buckel aufwiese, wollte die Anruferin wissen.

Solche und ähnliche Hinweise hat Tsokos in den vergangenen Tagen „zu Hunderten“ erhalten. Eine entscheidende Spur war nicht dabei. „Wir haben gehofft, dass sich vielleicht irgendwo auf einem Dachboden vergessene persönliche Gegenstände aus dem aufgelösten Nachlass von Rosa Luxemburg befinden, an die sich nun jemand erinnert.“ Ein solcher Tipp kam bislang nicht. Nur durch genetisches Vergleichsmaterial könne geklärt werden, ob die unbekannte Tote, die seit 90 Jahren in der Charité liegt, tatsächlich Rosa Luxemburg ist.

Die genetische Spurensuche gestaltet sich schwierig. So ging bei Michael Tsokos auch ein Hinweis auf eine Pflanzensammlung ein, die von der später ermordeten Spartakistin angelegt worden sein soll. Dieses Herbarium soll in einem polnischen Archiv lagern. Aber selbst wenn es von der 1919 ermordeten Politikerin stammt und sich an ihm Hautschuppen, Speichelspuren oder Haare finden lassen, „muss man sich fragen, durch wie viele Hände das in 90 Jahren gegangen ist“. Wahrscheinlich wäre, dass man eine Mischspur fände, deren Analyse sehr zeitaufwendig sei.

Überhaupt führen derzeit viele Spuren nach Polen. In der Nähe von Warschau soll in einem Altenheim noch eine Nichte Luxemburgs leben, 90-jährig und inzwischen demenzkrank. Diesem Hinweis, den unter anderem der Historiker Jörn Schütrumpf gab, werde mithilfe von Familienforschern und Historikern nachgegangen, sagt Tsokos.

Nach eventuellen Nachfahren Luxemburgs wird derzeit auch in Frankreich und Holland gesucht. Ob es sich dabei tatsächlich um Blutsverwandte handelt, müsse überprüft werden.

Möglicherweise könnten auch Nachforschungen in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) weiterhelfen. In der Bonner FES-Zentrale befindet sich das „Archiv der sozialen Demokratie“, in dem auch der Nachlass von Rosa Luxemburg und Paul Levi aufbewahrt wird, Luxemburgs Rechtsanwalt und kurzzeitigem Geliebten. Die dortige Archivarin hat in dieser Woche schon eine Reihe von Anfragen zum Nachlass von Rosa Luxemburg im Hinblick auf mögliche DNA-Spuren erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass den dort aufbewahrten Briefen und anderen Dokumenten Erbmaterial Rosa Luxemburgs anhafte, sei jedoch gering. Ohnehin befänden sich die meisten Dokumente aus dem Nachlass Luxemburgs in einem Moskauer Archiv.

Lediglich eine Handvoll Originalbriefe, die die sozialistische Kämpferin an Paul Levi geschrieben hat, würden in Bonn liegen. „Aber diese Briefe sind bereits durch hunderte Hände gegangen“, sagt die Archivarin. Ob DNA-Spuren eindeutig Rosa Luxemburg zugeordnet werden könnten, sei daher mehr als fraglich.

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