Berlin : Charité probt Ernstfall: Katastrophenübung in Zeiten des Terrors

Ein Zugunfall mit zweihundert Verletzten wurde simuliert – die Anschläge von Madrid waren dabei immer präsent

Ingo Bach

„Meine Hand. Wo ist meine Hand?“ Laut schreiend stürmt Holger Krysztian in die Rettungsstelle der Charité in Mitte. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck hält Krysztian den notdürftig verbundenen, blutverschmierten Stumpf seines linken Armes hoch. Dann sackt er zusammen und sagt leise: „Ich bin Tischler, ich muss doch arbeiten.“

Doch Torsten Geyer, an diesem Abend der Dienst habende Notarzt der Rettungsstelle, hat keine Zeit für Mitleid. Nur kurz wendet er sich dem Patienten zu. Stellt ein paar Routinefragen: Was ist passiert? Wo haben Sie Schmerzen? Welches Datum ist heute? Dann entscheidet er: „Schwer verletzt! Roter Bereich.“ Pfleger setzen den Mann in einen Rollstuhl und fahren ihn in den Wartebereich, wo ihn Geyers Kollegen auf eine Notoperation vorbereiten.

Da ist Geyer schon längst beim nächsten Patienten, denn Krysztian ist an diesem Abend nur einer von vielen Notfällen. Um den Mediziner herum stehen Tragen mit den Opfern einer Katastrophe – und immer wieder stellen Sanitäter neue Tragen vor ihm ab. Geyer hat hier wohl die schwierigste Rolle. Er muss die Ankommenden sortieren. Entscheidungen im Sekundentakt. Aufgeschnittener Bauch: Roter Bereich. Abgerissener Finger: Gelb, das heißt mittelschwer verletzt. Kleinere Schürfwunden: Grün, leicht verletzt, kann warten.

Die Katastrophe geschah kurz zuvor: Dienstagabend, um sieben. Durch eine Explosion ist die ICE-Brücke über die B 96, Ecke Invalidenstraße, zusammengestürzt, erfahren die Mediziner von der Leitstelle der Feuerwehr. Der ICE Berlin-Dresden und die entgegenkommende S-Bahn Linie 7 sind auf die darunter liegende Bundesstraße 96 gestürzt. Rund 200 Verletzte seien zu erwarten. Auf die Versorgung von fast 50 von ihnen soll sich die Charité vorbereiten.

Die ersten sind längst da. Es ist hektisch in der Notaufnahme: Hilferufe, Schmerzensschreie, Fragen prasseln auf den Notarzt ein. Panische Angehörige suchen nach ihren Verwandten. Journalisten zwängen sich an Verletzte heran und wollen Einzelheiten wissen. Wachleute müssen sie teilweise mit Gewalt vor die Tür setzen. Wütende Rufe nach dem Recht auf Pressefreiheit antworten ihnen.

Sie sind eben gut vorbereitet auf ihre Rolle: die Angehörigen, Journalisten und vor allem die Opfer – in vielen von ihnen steckt das echte Talent eines Schauspielers. Denn das, was am vergangenen Dienstag Ärzte und Pfleger der Charité in Hektik versetzt, ist eine Krankenhausübung, die 100. genauer gesagt. Die verzweifelt um Hilfe brüllenden Verletzten sind zuvor stundenlang auf „verletzt“ geschminkt worden, mit viel Kunstblut, falschen Gedärmen, die aus Bauchhöhlen quellen, und zerrissener Kleidung. Seit 1985 alarmiert die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung regelmäßig eine Berliner Klinik, um den Katastrophenfall zu proben. Diese Regelmäßigkeit sei einmalig in Deutschland, ja in Europa, sagt Detlef Cwojdzinski von der Senatsverwaltung.

Die Übungen sollen die Kliniken auf Katastrophen von solchen Ausmaßen vorbereiten, die nicht alltäglich sind. Das Bewusstsein, dass es nötig sein könnte, „Großschadensereignisse“ zu managen, sei allen spätestens seit den Terroranschlägen in Madrid „auf die Haut gerückt“, sagt Berlins Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner. Am 11. März hatten islamistische Terroristen mit Bombenanschlägen auf Personenzüge in der spanischen Hauptstadt über 200 Menschen ermordet und 1400 verletzt.

Dass solche Übungen nötig sind, zeigen auch die kleinen Pannen, die beim 100. Testlauf nicht ausbleiben. Doch überwiegend sind die Kontrolleure zufrieden an diesem Abend. „Es lief im Großen und Ganzen wie am Schnürchen“, freut sich Knake-Werner. Bis zur nächsten Alarmierung, die hoffentlich wieder nur eine Übung sein wird …

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