Berlin : Charité-Prozess: Jetzt wird der Chef als Zeuge befragt

In dem Verfahren um sechsfachen Patientenmord soll heute der Kardiologie-Direktor aussagen

Kerstin Gehrke

Die Charité-Leitung zeigte sich zutiefst betroffen. „Ich habe die Schwester sehr geschätzt“, sagte der Direktor der Klinik für Kardiologie, Gert Baumann, kurz nach der Festnahme der Mordverdächtigen. Damals, im Oktober 2006, schien es keine Warnsignale gegeben zu haben. Dieses Bild aber hat sich mit dem Prozess gegen die ehemalige Charité-Krankenschwester Irene B. gründlich geändert. Und die Richter werden weiter forschen. Heute sollen sich Baumann und weitere leitende Charité-Mitarbeiter den Fragen des Gerichts stellen.

Zuvor hatten Aussagen ehemaliger Kollegen der Angeklagten Fassungslosigkeit ausgelöst. Die 54-jährige Irene B. sei in den letzten zwei Jahren „rabiater“ im Umgang mit den Patienten geworden, erklärten Krankenschwestern und Pfleger. Sie beschrieben Szenen, in denen sie im März und Juli 2006 handgreiflich geworden sei. Diese Vorfälle wurden zwar der pflegerischen Stationsleiterin gemeldet. Mehr aber geschah nicht. Es gab nicht einmal ein Gespräch mit Irene B.

Selbst als am 27. September vergangenen Jahres auf der Intensivstation der Kardiologie Gerüchte laut wurden, Irene B. könnte mit plötzlichen Todesfällen im Zusammenhang stehen, durfte sie weiter ihren Dienst tun. Die pflegerische Stationsleiterin ging erst einen Tag, nachdem sie von diesem erschreckenden Verdacht hörte, zu ihrer Vorgesetzten. Dann passierte tagelang nichts.

Am 2. Oktober tötete Irene B. ihr letztes Opfer. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie sechs schwer kranke Menschen jeweils mit einer Medikamenten-Überdosis ermordet hat. Zwei weitere Patienten sollen die Giftspritze überlebt haben. Die Serie begann laut Anklage im Juni 2005. Vier Tötungen hatte Irene B. im Ermittlungsverfahren und auch zu Beginn des Prozesses eingeräumt - „zu deren Wohl“, ließ sie über ihren Verteidiger erklären. Die weiteren Vorwürfe bestritt sie.

Seitdem ist es das Verhalten des Charité-Personals, das in den Mittelpunkt des Prozesses gerückt ist. Die bekannt gewordenen Details führten bereits zu Konsequenzen. Die pflegerische Stationsleiterin wurde Ende vergangener Woche vom Dienst suspendiert. Aufgrund ihrer Funktion komme der 36-jährigen Mitarbeiterin eine besondere Rolle zu, die sie „bei den im Raum stehenden Vorwürfen so zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllen kann“, hieß es zur Begründung.

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass die Charité eine Kommission mit externem Sachverstand berufen werde – „um die Ereignisse auf der kardiologischen Intensivstation verlässlich und objektiv zu untersuchen“. Es müsse geklärt werden, ob es seitens der Charité Versäumnisse gegeben habe. Die Kommission habe auch das Ziel, arbeitsrechtliche Schritte abzuwägen und weitere organisatorische Konsequenzen zu empfehlen.

Bislang hatte Irene B. den Kopf leicht nach oben gereckt, wenn ihre ehemaligen Kollegen aussagten. Sie stellte auch Fragen, die vorwurfsvoll klangen. Von der inzwischen suspendierten Stationsleiterin wollte sie wissen: „Es gibt in der Fortbildung ein Seminar zu Sozialkompetenz. Hast du so ein Seminar besucht?“ Bei der Begegnung mit dem Chef der Kardiologie wird Irene B. wohl anders auftreten. Baumann, der sie etwa eine Woche nach ihrer Verhaftung im Gefängnis besucht hatte, steht in ihrer persönlichen Hierarchie offenbar weit oben. In ihrem Teilgeständnis bedauerte sie, nicht rechtzeitig den Weg zu ihm gefunden zu haben.

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